Sei kein Standby-Sklave! 10 Tipps gegen ständige Erreichbarkeit und digitale Ausbeutung (Teil 2)

Feierabend

Im ersten Teil dieser Artikelserie, die Dir hilft, Dir Deinen Feierabend zurückzuerobern, habe ich Dir bereits fünf Tipps gegeben. Hast Du schon ein paar umgesetzt? Oder war für Dich noch nicht das Passende dabei?

Für beide Fälle kommen hier fünf weitere Tipps, wie Du Dich aus dem Standby-Sklaventum befreien und fernab des Jobs wirklich abschalten kannst:

#6 Hinterfrage Dein eigenes Kommunikationsverhalten

Viele soziale Verhaltensmuster ergeben sich daraus, weil wir denken, etwas tun zu müssen, weil es andere tun. Oder dass wir ein bestimmtes Verhalten nicht mehr in Frage stellen, weil es eben „jeder“ tut. Was es aber nicht unbedingt richtiger macht. 😉

Dazu gehört auch, dass wir uns nicht mehr an „Geschäftszeiten“ halten, wenn wir eine Nachricht oder E-Mail verschicken. Bei Briefpost ist es egal, wann wir sie verfassen und zur Post bringen. Sie kommt Tage später, meist zu einer bestimmten Uhrzeit, beim Empfänger an, egal, wann wir sie geschrieben haben.

E-Mails und Nachrichten versenden wir jedoch wie selbstverständlich zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das ist prinzipiell kein Problem. Aber es wird zu einem, wenn der Empfänger sich davon unter Druck gesetzt fühlt und meint, gleich antworten zu müssen, „weil man das eben so macht“. Oder weil er meint, dadurch besonders engagiert zu wirken und sich profilieren zu müssen. Deswegen hier meine Tipps:

  1. Beantworte Job-Nachrichten aller Art nur dann, wenn Du dafür bezahlt wirst.
  2. Wenn Du selbst welche schreibst, überlege Dir beim Versenden, ob Du sie wirklich zum genau diesem Zeitpunkt verschicken musst (das gilt natürlich auch für Anrufe). Ist es kurz vor Feierabend oder dem Wochenende? Oder außerhalb der üblichen Bürozeiten? Dann lass es und speichere sie als Entwurf.
  3. Wenn Du mit dem Verschicken doch nicht warten kannst oder willst, versehe die Nachricht mit einem Hinweis wie „Antwort bis XY reicht.“ Du kannst ihn sogar schon in den Betreff der E-Mail setzen. Dieser kurze Satz macht einen großen Unterschied: Durch ihn weiß der andere, dass er nicht sofort reagieren muss. Das nimmt Druck raus.

Handele stets nach dem Prinzip „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu“.

Wenn Du also nicht außerhalb der Bürozeiten angerufen werden möchtest, dann solltest Du es umgekehrt auch nicht tun. Mach Dir bei jedem Kommunikationsversuch vorher klar, wie Du als Empfänger darauf reagieren würdest.

#7 Deaktiviere den E-Mail-Abruf

Lass Dir keine E-Mails vom Büro auf Dein Handy weiterleiten.

Wenn Du das doch tust − zum Beispiel um auf Dienstreisen auf Deine Nachrichten zugreifen zu können − dann schalte den Mailabruf so ein, dass die Mailapp nach Feierabend keine Jobmails mehr durchlässt.

Bei vielen Apps kannst Du nicht nur in den Einstellungen unter „Kontoabrufhäufigkeit“ die generelle Abruffrequenz der E-Mails einstellen, sondern auch für bestimmte Zeiträume unterschiedliche Intervalle. Manche Apps unterscheiden zum Beispiel zwischen „Zeiten mit geringer Last“ und „hoher Last“ o.ä. und diese Zeiten kannst Du definieren.1

Am einfachsten und effektivsten ist es allerdings, wenn Du den Abruf grundsätzlich auf „manuell“ stellst. Dann werden die E-Mails nur abgerufen, wenn Du den Posteingang aktualisierst. Somit hast Du es selbst in der Hand, wann Du Deine Mails checkst und wirst sonst nicht damit belästigt.

Nochmal: Telefonate führen und E-Mails lesen bzw. beantworten sind Arbeit. Wenn Du also nicht explizit für das Arbeiten nach Feierabend bezahlt wirst, dann tu es auch nicht! Niemand sollte umsonst arbeiten!

#8 Motiviere Kollegen zu handyfreien (Zeit-)Zonen

Den Tipp mit den handyfreien (Zeit-)Zonen zelebriere ich auf meinem Blog sehr oft. Ich tue das, weil er eine große Wirkung entfalten kann.

Das gilt auch fürs Büro. Setz Dich mit Deinen Kollegen zusammen und überlegt Euch, welche Räume oder Zeiten handyfrei sein können.

Dabei herauskommen können handyfreie Mittagspausen, eine handyfreie Teeküche, handyfreie Meetings oder bestimmte Stunden am Tag oder gar ein (halber) Tag in der Woche, wo das Smartphone komplett ausgeschaltet bleibt. Am besten haltet Ihr das Ganze schriftlich fest.

Die soziale Kontrolle untereinander erleichtert es Dir, konsequent zu bleiben. Spaß darf das auch machen: Wer sich nicht dran hält, muss den anderen was Leckeres spendieren oder Geld in ein Sparschwein werfen, das irgendwann für eine Party etc. geschlachtet wird.

Handyfreie (Zeit-)Zonen empfehlen sich natürlich auch fürs Homeoffice. 😉

#9 Kommuniziere Deine Unerreichbarkeit

Wenn Du dann (regelmäßig) unerreichbar bist, ist es gut, wenn Deine Kollegen oder auch Kunden darüber Bescheid wissen.

Deswegen kommuniziere Deine Arbeitszeiten und Dein Antwortverhalten offen, indem Du zum Beispiel auf der Website, Deiner Visitenkarte oder in Deiner E-Mail-Signatur deutlich machst, wann Du erreichbar bist und wann nicht. Gleiches gilt für E-Mail-Öffnungszeiten − ein Tipp aus meinem Artikel „Schluss mit der E-Mail-Epidemie!“.

Falls Du dafür ein Beispiel brauchst, kannst Du Dir Anitra Egglers Kontaktseite anschauen. Provokant getextet, aber nützlich. Ich bin mir sicher, dass Du für Dich eine passende Formulierung findest. 🙂

#10 Urlaub ist und bleibt Urlaub

Das meine ich ernst. In meinem Artikel „Urlaub ohne Smartphone“ erkläre ich Dir, wie Du Deinen Urlaub so verbringst, dass Du tatsächlich abschalten und Dich erholen kannst.

Der Artikel konzentriert sich weitgehend auf die private Nutzung, dennoch ist auch ein Tipp bezüglich des Jobs dabei. Kurz auf den Punkt: Keine E-Mails checken. Keine Anrufe entgegennehmen. Fertig.

Nicht einfach, ich weiß. Mach es Dir leichter: Sag den daheimgebliebenen Chefs, Kollegen und Kunden vorher ganz klar, dass sie sich nur dann melden sollen, wenn die Pleite droht und nur Du sie verhindern kannst. Alles andere kann warten. Mach das auch in Deiner Abwesenheitsnotiz klar, die rausgeht, wenn Dir jemand eine E-Mail schickt. Hier eine sachliche Variante, Du nach Belieben abwandeln kannst:

„Danke, dass Sie mir schreiben. Ich bin im Urlaub und habe bis xx.yy.zz. zum keinen Zugriff auf meine E-Mails.

[Falls Du Kollegen hast: In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an meine(n) Kollegen/in XY, Sie erreichen ihn/sie per E-Mail unter x.mustermann@firma.de.]

Ich werde Ihre Mail frühestens ab dem xx.yy.zz beantworten, sie wird nicht automatisch weitergeleitet.“

Vielleicht gibt es sogar wie bei Daimler die Möglichkeit, die E-Mails, die während des Urlaubs eingehen, zu löschen. Dann hilft ein Satz wie „Ihre E-Mail wird gelöscht. Sollte Ihr Anliegen ab dem xx.yy.zz noch relevant sein, schicken Sie mir bitte erneut eine E-Mail. Danke.“

Tipp on top: Verlängere Deinen Urlaub in der Abwesenheitsnotiz virtuell um ein bis zwei Tage. Dann kannst Du in Ruhe ankommen und Dich wieder einarbeiten und hast nicht schon am ersten Tag den Superstress.

Was Du tun kannst, wenn Chefs und Kunden rebellieren

Es ist nicht leicht, selbstbestimmt (un-)erreichbar zu sein, wenn Du einen Chef oder einen Kunden hast, der es für selbstverständlich hält, dass Du auch in Deiner Freizeit für ihn da bist. Und mir ist bewusst, dass sich solche Exemplare ordentlich auf den Schlips getreten fühlen können, wenn Du plötzlich Deine freie Zeit verteidigst.

Deswegen versuche, die Diskussion mit den Beteiligten möglichst sachlich anzugehen und überlege Dir Argumente, die für Deine wohlverdiente Auszeit sprechen (ich habe im ersten Teil der Artikelserie „Sei kein Standby-Sklave!“ schon einiges angesprochen). Sei dabei ganz konkret. Und sage auch offen, dass Du dafür honoriert werden möchtest (Geld, freie Zeit etc.), wenn Du wirklich permanent erreichbar sein sollst.

Bedenke: Niemand, der ein gewisses Selbstwertgefühl hat, arbeitet häufig umsonst (Ehrenämter mal außen vor). Auch Dein Chef oder Dein Kunde nicht. Jeder halbwegs „normale“ Mensch sollte daher einsehen, dass es unmenschlich ist, einen anderen durch das Smartphone zum Dauerarbeiter zu machen.

Wenn all diese Tipps für Dich nicht umsetzbar sein sollten, weil sie für Dich den Rauswurf aus dem Unternehmen oder den Verlust sämtlicher Kunden nach sich ziehen würden, solltest Du Dich fragen, ob Dein jetziger Job es tatsächlich wert ist, Deine mentale und physische Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Ist der Leidensdruck unter dem medialen Dauerfeuer zu groß und lässt sich nicht mehr in den Griff kriegen, dann ist das Unternehmen bzw. sind Deine Kunden nicht das richtige für Dich.

Überleg Dir dann, wie Du gern arbeiten möchtest und wie bzw. bei welchem Arbeitgeber Du das umsetzen kannst. Eine große Aufgabe, ich weiß! Aber visualisiere mal, wie es Dir in fünf Jahren gehen wird, wenn Du nichts änderst.

Wie hältst Du es mit der Erreichbarkeit? Hast Du noch Tipps für mich und die anderen Leser? Poste sie gern in den Kommentaren! 🙂

Fußnoten

  1. Es gibt wahnsinnig viele Handymodelle mit unterschiedlichsten Systemen, deswegen kann ich hier nicht genau sagen, wie die Einstellung bei Dir heißt. Hier aber ein Video zu E-Mail-Einstellungen auf einem Android-Smartphone, in dem Du sehen kannst, was ich meine.

2 Replies to “Sei kein Standby-Sklave! 10 Tipps gegen ständige Erreichbarkeit und digitale Ausbeutung (Teil 2)”

  1. Au weh… ertappt.. ob ich den Drive habe, etwas zu ändern?… Auf jeden Fall tolle Anregung.

    1. Hallo Thorsten, was bereitet Dir denn am meisten Probleme? 🙂

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