„Ich muss nur mal kurz gucken, was er macht …“ − Wie Du damit aufhörst, andere digital zu kontrollieren

Frau kontrolliert am Handy das Profil eines anderen

Warum ist er schon wieder online? Mit wem schreibt er dauernd? Was soll ihr neues Profilfoto mir sagen? Warum sieht sie so glücklich aus, obwohl wir erst ein paar Wochen getrennt sind? Wer ist diese andere Person, die ihre Posts dauernd mit Herzchen kommentiert?

Fragen wie diese sind grausam. Sie bohren sich tief in unser Herz und glimmen dort schmerzhaft vor sich hin, ohne dass wir eine Antwort bekommen.

Dass sie überhaupt aufkommen, liegt am Internet und seinen digitalen Verführungen. Verantwortlich dafür, dass sie uns quälen, sind aber wir selbst. Weil wir nach ihnen suchen.

In (fast) jedem von uns steckt ein kleiner Stalker

Fast jeder von uns tut es. Und tut sich damit mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst weh.

Ja, heute spreche ich über Stalking.

Nicht über das kriminelle Stalking, das tun vornehmlich psychologisch kranke Leute. Sondern über das alltägliche Schnüffeln und Verfolgen von Personen im Netz, auf Messenger-Apps und in sozialen Netzwerken, dass i.d.R. nur dem Stalker schadet.

Warum wir andere kontrollieren? Weil wir es können.

Und warum hören wir nicht einfach auf damit? Weil es, ähnlich wie die Handysucht, eine Art Sucht ist. Zumindest fühlt es sich für viele so an.

Das Internet und digitale Medien üben auf uns ohnehin eine große Anziehungskraft aus. Kaum einer, der sein Smartphone nicht immer bei sich hat.

In meinem Artikel über Smartphonesucht erkläre ich, warum wir die Finger nicht vom Handy lassen können. Es hängt mit dem Dopamin zusammen. Und wahrscheinlich ist es beim Nachschauen, was er/sie macht, auch die Hoffnung auf eine Dopamindusche, die uns nicht aufhören lässt.

Gerade in schwachen Momenten, zum Beispiel nach einer Trennung, greifen wir zu unseren „Drogen“. Zu denen gehört bei vielen auch das Smartphone.

Damit haben wir eine scharfe Waffe in der Hand, mit der wir uns selbst immer wieder verletzen können.

Wir kontrollieren aus mangelnder Selbstliebe heraus

Ich bin kein Psychologe und auch kein Trennungscoach. Aber ich kenne Liebeskummer. Und zwar von der heftigsten Sorte.

Ich habe selbst erlebt, wie verführerisch es sein kann, jederzeit am Handy oder PC nachschauen zu können, was der fehlende Mensch macht. Und sei es nur, andauernd nachzusehen, wann er bei WhatsApp online ist, um sich mit ihm auf eine absurde Art und Weise weiter verbunden zu fühlen.

Es ist der letzte Strohhalm, an den wir uns in einer solch schmerzhaften Situation klammern können. Der andere ist nicht mehr in unserem Leben, aber über digitale bzw. soziale Medien können wir trotzdem noch ein bisschen an seinem Leben teilhaben.

Es ist menschlich, dass wir an dieser letzten, wenn auch nicht realen Verbindung, festhalten.

Dennoch: Den anderen digital zu stalken − und das ist es, wenn wir den anderen online permanent beobachten und damit regelrecht ausspionieren − bringt uns herzlich wenig.

Mit jedem Nachsehen fühlen wir uns schlechter. Wir lassen uns von Fragen quälen, die ohne Nachzuschauen womöglich gar nicht aufgekommen wären und auf die wir keine Antwort finden. Wir fühlen uns von Mal zu Mal beschissener, weil wir zum Spekulieren verdammt sind und uns die schlimmsten Szenarien ausmalen.

Das ist übrigens nicht nur nach einer Trennung so. Viele können es auch schon während der Beziehung nicht lassen, den anderen virtuell zu verfolgen und auszuspionieren.

Solange, bis sie einen Anhaltspunkt für ihre Eifersucht finden. Die entspringt jedoch meist nicht aus dem Verhalten des Partners (es sei denn, er geht wirklich fremd), sondern resultiert sehr oft aus einem mangelnden Selbstbewusstsein.

Fehlende Selbstliebe ist die Ursache unseres irrationalen Tuns.

Anstatt uns auf uns selbst zu konzentrieren, richten wir den Fokus auf den verlorenen Menschen und sind nicht mehr bei uns. Loslassen fällt uns dann umso schwerer.

Mit Digital Detox raus aus dem Kontrollzwang

Was kannst Du also dagegen tun, wenn Du den Drang, ja vielleicht sogar den Zwang verspürst, ständig zu checken, was der andere macht?

Deine Selbstliebe stärken. Ja, das ist tatsächlich die ultimative Lösung.

Aber ich weiß, dass das leichter gesagt als getan und ein sehr langer, aber absolut lohnenswerter Weg ist.

Wie Du es schaffst, Dich selbst anzunehmen und so zu lieben, wie Du es verdienst, erklären Dir Expertinnen wie zum Beispiel Simone Sauter von From Pain to Power oder Eva Lueg, Coach für erfüllte Beziehungen.

Bis diese Veränderungen greifen, vergeht jedoch eine gewisse Zeit. Und genau für diese Zeit möchte ich Dir ein paar Tipps aus Digital-Detox-Sicht geben, die Dir dabei helfen, andere weniger zu stalken und es Dir damit ein bisschen leichter zu machen.

Lösche alle Nummern und Kontaktmöglichkeiten

Die Nummern und Profile der Person, von der Du nicht lassen kannst, zu löschen, ist schwer. Keiner weiß das besser als ich.

Aber es ist der effektivste Weg, Dich vom Stalken abzuhalten. Wenn Du die Nummer nicht mehr im Smartphone hast, kannst Du auf WhatsApp nicht mehr kontrollieren, wann die Person online ist.

Entfreundest Du Dich auf Facebook, siehst Du weniger aufwühlende Bilder und Posts.

Wenn Du selbst nicht die Kraft dazu hast, dann bitte − sofern ihr noch ein halbwegs gutes Verhältnis habt − die betreffende Person darum, Dich zu blockieren.

Wenn Dir das nicht möglich ist, bitte eine Freundin, die Kontaktmöglichkeiten aus Deinem Handy zu entfernen. Sie kann auch die Nummer für Dich verwahren und sie nur im absoluten Notfall herausgeben. Denn es nutzt gar nichts, sie zu löschen, wenn Du sie Dir irgendwo aufgeschrieben hast.

Ist es Dir noch gar nicht möglich, die Nummern etc. zu löschen, blockiere sie.

Und: Melde Dich nicht auf derselben Partnerbörse an. Selbst wenn Du Dir einredest, dass Du das nur tust, um nach einem neuen Partner Ausschau zu halten − es wird nicht lange dauern und Du besuchst andauernd das Profil Deines/Deiner Verflossenen. Tu Dir das nicht an!

Ändere Deine Messenger-Einstellungen

Falls Du zu denjenigen gehörst, deren WhatsApp-Onlinestatus für alle sichtbar ist, deaktiviere diese Option, so dass niemand mehr sehen kann, wann Du zuletzt online warst. Dann siehst Du nämlich auch nicht mehr den Zeitstempel der anderen Person.

Wenn sie jedoch gerade online ist, wird Dir das dennoch angezeigt. Deshalb beherzige den vorherigen Tipp, um Dir den Anblick zu ersparen.

Installiere eine Digital-Detox-App

In meinem Artikel über Digital-Detox-Apps beschreibe ich, wie Dir eine App wie zum Beispiel „Quality Time“ dabei helfen kann, weniger Zeit am Handy zu verbringen.

Gerade die Pausen-Option in dieser App kannst Du Dir in Deiner Situation zunutze machen. Du kannst in der App einstellen, wann Du wie lange eine Pause einlegen willst.

Gehst Du in dieser Pausenzeit ans Handy, wird Dir ein Sperrbildschirm angezeigt. Du kannst diesen natürlich jederzeit entsperren, aber die Hemmschwelle ist wesentlich höher, als wenn Du unmittelbaren Zugriff auf Deine Apps hast.

Er kann Dich somit davon abhalten, ständig nachsehen zu wollen, was der andere tut.

Schaffe Dir handyfreie Zonen

Das ist ebenso wie die Apps ein Digital-Detox-Lieblingstipp von mir, weil er mit ein wenig Konsequenz eine große Wirkung entfalten kann.

Vor allem wenn Du Dich in einer schwierigen Phase befindest, solltest Du beobachten, wann und wo Du am häufigsten zum Handy greifst, um zu spionieren. Und genau diese (Zeit-)Räume sind ab sofort handyfreie Zonen für Dich.

Wenn ich an meinen „Stalking-Zwang“ zurückdenke, war es für mich vor allem dann schwierig, die Finger vom Smartphone zu lassen, wenn ich zur Ruhe kam. Im Bett war es besonders schlimm. Nichts mehr anderes zu tun, lacht einen das Handy besonders verlockend vom Nachttisch aus an.

Deswegen: Verbanne das Handy aus dem Schlafzimmer. Oder nutze nachts die oben genannte App und stell bis zum Morgen eine Pause ein.

Was Du siehst, muss nicht real sein

Da wir vom anderen nur noch das mitbekommen, was er online stellt, müssen wir uns den Rest dazudichten. Gerade das ist hochgefährlich. Denn wir neigen dazu, vom Schlimmsten auszugehen und unterstellen dem anderen die fiesesten Dinge.

Denk daher immer daran, dass das, was Du online siehst und Dir daraufhin zusammenreimst, nicht der Realität entsprechen muss.

Das gilt im Übrigen nicht nur für Inhalte wie Posts, Statuszeilen, Bilder oder Videos. Sondern auch für einfache Anzeigen, wie zum Beispiel das „online“ auf WhatsApp oder das „zuletzt aktiv“ auf Facebook.

Ich habe es selbst oft genug erlebt, dass Personen als online angezeigt wurden, in der Zeit aber gar nicht dort aktiv waren. Das Handy sogar unangetastet irgendwo rumlag.

Nicht selten zetteln wir wegen solcher Dinge einen riesen Streit an und denken dann auch noch, der andere würde uns belügen. Das mag sicherlich manchmal so sein, aber eben nicht immer. Voreilige Schlussfolgerungen sind hier also kontraproduktiv.

Lenk Dich ab und mach die Ablenkung zum Ritual

Sich in solch schweren Zeiten Ablenkung zu suchen, klingt schrecklich abgedroschen. Dessen bin ich mir bewusst.

Und doch ist es das, was ich Dir rate, wenn Dein Blick schon wieder zum Smartphone wandert.

Immer dann, wenn Du nachsehen willst, was der andere treibt, tu etwas anderes, das Dir gut tut.

Ein paar Beispiele: Besorg Dir ein schönes Notiz- oder Tagebuch und schreibe immer dann Deine Gedanken auf, wenn Du mal wieder Kontrolletti spielen willst. Oder lies ein paar Seiten in Deinem Lieblingsbuch. Oder höre Deine Lieblingsmusik. Oder kontaktiere eine liebe Freundin. Oder atme mehrere Male lange und bewusst ein und aus. Oder streichel Dein Haustier. Oder iss ein Stück Schokolade (eins, nicht eine Tafel, sonst hast Du bald noch ein weiteres Problem 😉 ).

Es gibt sehr viele Möglichkeiten, was Du als Ersatz tun kannst und was Deiner Seele − im Gegensatz zum Kontrollieren − gut tut. Etabliere das Ganze als Ritual, so dass eine Art positiver Automatismus entsteht.

Ablenkung ist generell eine gute Sache in puncto Digital Detox. Sich mit Freunden zu treffen oder auch etwas allein ohne Handy zu unternehmen, veranschaulicht Dir, wie gut es tut, mal offline zu sein. Gerade in einer Phase der Verzweiflung und Trauer ist das eine heilsame Erfahrung.

Hinterfrage den Mehrwert Deines Tuns

Immer, wenn wir unsere wertvolle Lebenszeit mit digitalen Medien verbringen, sollten wir uns die Frage nach dem Mehrwert stellen. Denn wir verdaddeln einfach sehr viel Zeit mit wirklich sinnlosen Dingen. Das ist hier nicht anders.

Wenn Du also wieder nachschauen willst, stell Dir die folgenden Fragen und gib Dir eine ehrliche Antwort darauf:

  • Warum mache ich das?
  • Wie würde ich mich fühlen, wenn mich jemand virtuell beobachten würde?
  • Was bringt es mir bzw. was ist der Mehrwert für mich? Fühle ich mich hinterher besser?
  • Was ändert sich konkret in meinem Leben, wenn ich sehe, wann er/sie online ist und was er/sie postet?

Führst Du Dir die Antworten schonungslos vor Augen, wirst Du realisieren, wie sinnlos Deine Stalking-Aktionen sind.

Diese Erkenntnis heilt zwar nicht Deine Wunden oder zaubert den Zwang zu kontrollieren weg, aber sie ist eine Grundlage für eine andere Denkweise. Und damit eine gute Basis für eine Veränderung Deines Verhaltens.

Und bei all dem vergiss bitte nicht, dass Du nur ein Mensch bist. Wir sind nicht fehlerfrei und wir tun manchmal blöde Dinge.

Wenn Du Dich also zwischendurch wieder beim Stalken erwischt, dann schimpfe nicht mit Dir. Rückschläge sind bei jeder Verhaltensänderung völlig normal. Geh dann liebevoll mit Dir um und glaube daran, dass Du es schaffen kannst, es sein zu lassen. Und dann fängst Du wieder von vorn an.

Nochmal: Es braucht Zeit. Um eine (lästige) Gewohnheit zu ändern, brauchen wir in der Regel drei Wochen. Drei Wochen, in der wir jeden Tag konsequent anders handeln als wir es gewohnt sind. Dann erst manifestiert sich das neue Verhalten langsam.

Bei einer Trennung wird es wahrscheinlich länger dauern. Aber das ist okay. Gib nicht auf, sondern probier es jeden Tag wieder.

Das tust Du so lange, bis Du Dir eines Abends auffallen wird, dass Du an diesem Tag gar nicht nachgeschaut hast. Und aus diesem Tag werden Tage, wird eine Woche, ein Monat. Das ist ein unglaublich gutes und befreiendes Gefühl!

Du schaffst so Raum für Dich und die Dinge, die Dir wirklich wichtig sind. Du legst den Fokus auf Dich und nicht auf den Menschen, der in Deinem Leben keine Rolle mehr spielt.

Ich wünsche Dir sehr, dass Du es schaffst, aus dem Teufelskreis auszubrechen und wieder glücklich zu werden. Kämpfe dafür! Es lohnt sich! 🙂

 

Wie bewältigst Du eine solche Situation? Wo hakt es? Oder hast Du es bereits geschafft, nicht mehr nachzuschauen und magst davon erzählen? Bitte alles sehr gern in den Kommentaren. 

 

 

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