Lebenszeitfresser Internet: Denkst Du noch nach oder konsumierst Du nur?

Frau mit Taschenuhr

Wir leben in einer Konsumgesellschaft. Wissen wir alle − ob wir’s nun gut finden oder nicht.

Doch hast Du schon mal darüber nachgedacht, dass Konsum auch etwas anderes bedeuten könnte, als das zum Teil sinnlose Kaufen und Ge- bzw. Verbrauchen von Produkten?

Denn mir fällt dazu etwas anderes dazu ein. Im digitalen Zusammenhang.

Immer öfter habe ich den Eindruck, dass viele von uns beinahe alles, was digital bzw. virtuell so angeboten wird, zumindest anfangs ohne großes Nachdenken oder gar Hinterfragen konsumieren.

Statt Geld für unnützen Kram auszugeben, verschwenden wir im Netz oft unser wertvollstes Gut: unsere Zeit.

128 Minuten sollen die Deutschen im Schnitt täglich online sein.1 Die tatsächliche Nutzungsdauer liegt sicherlich weit darüber. Denn wir merken oft gar nicht mehr, wann wir online sind und uns von digitalen Inhalten berieseln lassen.

Das fängt bei Flatrate-Videoangeboten und sozialen Netzwerken an und hört … eigentlich nirgendwo auf.

Überall in der digitalen Atmosphäre werden jegliche Inhalte inhaliert, aufgesaugt, abonniert, gespeichert, gelikt. Wir nehmen alles mit, was wir kriegen können.

Die Frage ist nur: Was nutzt es uns?

Das Dilemma der unendlichen Informationsvielfalt

Zu Beginn des Internetzeitalters gab es Menschen, die sich fragten, ob wir mit der Masse an Informationen, die das Netz bereit halten könnte, überhaupt klar kommen würden.

Ich wette, dass diese schlauen Menschen keine Ahnung davon hatten, wie unglaublich groß diese Informationsmasse später einmal sein würde. Und trotzdem stellten sie schon damals eine wichtige Frage: “Was tun mit diesen vielen Informationen?”

Eine Frage, die sich JEDER stellen sollte, der irgendwas mit dem Internet zu hat. Also praktisch fast jeder Mensch auf dieser Erde.

Eigentlich klingt es gut: Eine riesengroße Informationsvielfalt wartet da draußen auf uns. Und wir können davon profitieren, sie unbegrenzt durchstöbern, nach Antworten jeglicher Art suchen. Prima!

Nur: Können wir das wirklich?

Nein. Algorithmen von Suchmaschinen, sozialen Netzwerken usw. sortieren für uns vor. Das ist notwendig, weil wir sonst gar nichts mehr finden würden. Es wäre, wie wenn wir einen unbekannten Kontinent beträten und dort ohne Hilfsmittel nach einem bestimmten Ort suchen würden, ohne jemanden nach dem Weg fragen zu können.

Insofern ist es erst einmal gut, dass wir in den unendlichen Weiten des Internets nach dem Weg zur Antwort fragen können und eine Auswahl an möglichen Routen bekommen. Immerhin eine Auswahl.

Doch diese Auswahl wird nach Kriterien getroffen, die wir nicht ermessen können. Es könnte also auch noch andere Wege geben, die uns aber verborgen bleiben. Und damit auch die vielen alternativen Informationen am Wegesrand.

Ich wettere nicht gegen Suchmaschinen und Co. Sie sind nötig, um das Internet überhaupt handhabbar zu machen.

Zudem bin ich Journalistin. Und Medien tun schon seit langer Zeit nichts anderes: Auch sie sortieren vor, entscheiden, welche Nachrichten von Bedeutung sind und welche nicht − auch wenn die ebenso passiert sind.

Fischen in der trüben “Filterblase”

Genauso verhält sich es bei Suchmaschinen, in sozialen Netzwerken und vielen anderen digitalen Angeboten.

Vielleicht hast Du schon von dem Begriff der “Filterblase” gehört. Er stammt von dem Internetaktivisten Eli Pariser.

Eli Pariser umschreibt damit den Umstand, dass Webseiten mittels Algorithmen Benutzerdaten auswerten, um vorherzusagen, welche Infos ein bestimmter User finden will. Der User befindet sich damit in einer Art “Filterblase”. Sie macht ihn gegenüber Informationen, die vermeintlich nicht seinen Wünschen und Werten entsprechen, blind.

Ihm wird praktisch nur das vorgesetzt, was angeblich seinen Interessen und Vorlieben entspricht, alles andere ist für ihn nur noch über Umwege zugänglich.

Was wir uns also immer, wenn wir digitale Inhalte konsumieren, klarmachen sollten:

Das Internet, so wie die meisten von uns es nutzen, ist nicht neutral und bietet uns keine ultimative Wahrheit. Das, was uns präsentiert wird, haben Algorithmen für uns ausgesucht. Es muss nicht alle Informationen beinhalten, die wir brauchen, um uns ein objektives Bild machen zu können.

Die Gratis-Falle: Umsonst gibt’s nicht!

Ein weiterer Punkt, der mir im Zusammenhang mit unreflektiertem Digitalkonsum unter den Nägeln brennt, ist die Gratis-Falle.

Ich glaube, dass wir auch deshalb so selten unseren digitalen Konsum hinterfragen, weil wir scheinbar nicht dafür zahlen müssen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass viele Inhalte im Netz gratis sind. Wunderbar, oder? So viele tolle Sachen, völlig umsonst!

Glaubst Du das wirklich?

Gut, es mag für manche Inhalte noch zutreffen. Gerade zu Beginn des Internetbooms war dem so, was mitunter auch dazu geführt hat, dass viele Menschen für anständigen Journalismus nicht mehr zahlen wollen. Aber das ist ein anderes Thema.

Tatsache ist, dass die meisten Angebote im Netz heute nicht mehr gratis sind.

Warum? Du bezahlst doch nichts?

Oh doch. Die Währung heißt aber nicht Euro, sondern Zeit. Aufmerksamkeit. Und ganz besonders: Daten. Deine Daten.

Es gibt heute unzählige technische Möglichkeiten, auch an Deine Daten zu kommen, ohne Dich explizit danach zu fragen. Du hinterlässt überall digitale Fingerabdrücke. Und die können gewinnbringend zu Marketingzwecken etc. eingesetzt werden.

Selbst wenn Du Dich für ein Gratis-Geschenk auf einem Blog wie diesem anmeldest, ist das nicht umsonst: Du bezahlst es mit Deiner E-Mail-Adresse.

Ich sage das so offen, weil ich glaube, dass ich es mir leisten kann. Bei guten Bloggern bekommst Du ohnehin viel Mehrwert, ohne dafür eine E-Mail-Adresse zu herzugeben. Wenn Du es doch tust, ist es auch eine Form Deiner Wertschätzung gegenüber dem Blogger und seinen Inhalten, die er für Dich produziert.

Wichtig oder nicht? Hinterfrage Inhalte!

Du ahnst es schon: Wir müssen heutzutage mehr als je zuvor lernen, wichtig von unwichtig und ebenso echt von unecht zu unterscheiden. Und das nicht erst seit es “Fake News” gibt.

Auch wenn wir uns kaum von vorgefertigten Suchergebnissen unabhängig machen können, haben wir dennoch die Macht, darüber zu entscheiden, was wir konsumieren und was wir glauben.

Das gilt aber nicht nur für Informationen im engen Sinne. Sondern auch für Flatrate-Angebote bei Filmen oder Musik. Wir bekommen für wenig Geld eine große Auswahl. Aber diese Auswahl ist ebenso limitiert und vorsortiert. Wenige machen sich wirklich bewusst, dass Anbieter damit auch unseren Film- und Musikgeschmack beeinflussen.

Ich möchte Dich deswegen motivieren: Hinterfrage! Priorisiere! Und konsumiere bitte nicht alles unreflektiert!

Denn der bloße Konsum von Inhalten macht uns nicht schlauer!

Informationen sind nicht gleich Wissen

Nur weil wir Zugang zu einer riesigen Masse an Informationen haben, heißt das noch lange nicht, dass wir über irgendetwas Bescheid wissen.

Wir können googlen, nachlesen. Ja. Aber damit ist es nicht getan. Erst, wenn wir die Informationen auch richtig verarbeiten, einordnen und ggf. anwenden, haben wir uns wirklich Wissen angeeignet und werden damit kompetent.

Googlen allein macht nicht allwissend. Es bietet uns nur einen (eingeschränkten) Zugang zu Informationen. Was wir mit den Infos machen, bleibt allein uns überlassen.

Die entscheidende Frage: Brauchst Du das wirklich?

Ich weiß, dass es manchmal schwierig ist zu entscheiden, was echt ist und was nicht. Was gesellschaftlich, politisch oder sozial relevant ist. Ich maße mir nicht an, stets das richtige Urteil zu fällen. Das kann wohl niemand.

Viel wichtiger ist mir aber, dass wir damit aufhören, alles für möglicherweise relevant zu halten.

Ich kenne das von mir selbst. Ich neige dazu, mir zum Beispiel auf Facebook ständig etwas für später zu speichern. An sich ist diese Funktion eine gute Sache, genauso wie digitale Lesezeichen.

Doch mir fällt auf, dass mindestens die Hälfte von dem, was ich mir für später merke, für mich keine Relevanz hat.

Deswegen möchte ich Dich dazu ermutigen, Dich bei jedem Speichern von Informationen, bei jeder Anmeldung für ein Angebot, ja, eigentlich bei jedem Klick, der Dich anschließend Lebenszeit (und möglicherweise sogar Deine Daten oder Geld) kostet, kurz innezuhalten und Dich zu fragen: Brauche ich das wirklich? Ist das für mich gerade relevant? Bereichert es mein Leben?

Ich will nicht, dass wir unser gesamtes Leben auf Effizienz trimmen. Das wäre abartig. Natürlich dürfen wir unsere Zeit auch mal verschwenden oder Fehler machen.

Dennoch: Ich spreche aus Erfahrung. Ich lasse mich auch heute noch viel zu oft von Dingen im Netz ablenken, die mir überhaupt keinen Mehrwert bringen, mir aber wertvolle Energie und Zeit rauben.

Gib acht auf Deine Lebenszeit

Zeit und Aufmerksamkeit sind die wertvollsten Dinge, die wir heute haben. Weil sie endlich sind und immer knapper werden.

Wenn Du herausfinden willst, wie viel Zeit Du allein mit Deinem Handy verbringst, dann lies meinen Blogartikel zum Thema Digital-Detox-Apps.

Sag’, wann hast Du das letzte Mal gedacht oder gesagt: “Wenn ich mehr Zeit hätte, dann …”?

Wir müssen uns Zeit nehmen. Und zwar für die Menschen und Dinge, die uns wirklich wichtig sind.

Frag’ Dich also selbst:

Wie viel von dem, was Du auf Facebook, Twitter, Instagram und Co. am Tag siehst, ist wichtig für Dein Leben?

Wie viele der Informationen, die Du täglich beim Surfen im Netz aufschnappst, sind relevant für Deinen Alltag?

Wie viel Zeit hättest Du wohl, wenn Du Dich jedes Mal fragen würdest: Brauche ich das gerade wirklich?

Interessanterweise kenne ich kaum einen Menschen, der freiwillig ein Buch liest, das ihn nicht die Bohne interessiert. Oder der freiwillig jeden Tag Lebensmittel isst, die ihm gar nicht schmecken.

Warum also tun wir uns jeden verdammten Tag einen Haufen Nonsens im Netz an?

Die Antwort liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen Gleichgültigkeit, Ablenkungsbedürfnis, der Angst, doch etwas Wichtiges verpassen zu können oder auch hier.

Hast Du eine Erklärung für mich? Dann schreib’ sie in die Kommentare! Ich bin gespannt.

Fußnoten

  1. Das sagt die ARD/ZDF-Onlinestudie 2016.

4 Kommentare bei „Lebenszeitfresser Internet: Denkst Du noch nach oder konsumierst Du nur?“

  1. Liebe Karolin,

    nein, Antwort habe ich leider keine ;-). Was ich bei meinen Kunden immer wieder erlebe ist, dass sie wahnsinnig viele Informationen “für später” sammeln, sie allerdings nie wirklich verwenden. Egal ob physisch oder elektronisch. Wenn ich dann vorschlage, das zu löschen oder in den Papierkorb zu werfen, ist der Widerstand sehr groß. “Man könnte es ja noch einmal brauchen …”. Gleichzeitig macht ihnen diese Menge unbenutzer Informationen aber auch ein wahnsinnig schlechtes Gewissen und Druck. Mein Credo: Wenn es eine wichtige Information ist, wirst du sie wiederfinden, wenn du sie wirklich brauchst …
    Danke für diesen wichtigen Beitrag!
    Sonnige Grüße, Claudia

    1. Liebe Claudia,

      danke für Deinen Kommentar! Ja, das mit dem Horten von Infos kenne ich gut! ? Ich mache es so, dass ich regelmäßigen Abständen alles lösche, was ich doch nicht gebraucht habe. Sonst findet man ja irgendwann nicht mal mehr das wieder, was man wirklich noch braucht. Ich denke, das muss man trainieren, dann fällt es leichter. Es gibt ja generell viele Menschen, die sich nicht von Sachen trennen können.

      Liebe Grüße
      Karo

  2. Liebe Karo, eine wunderschönen Blog hast du. Vielen Dank für deinen Input. Bin auch sehr viel und auch sehr gerne im Netz. Verwende aber wenig das Smartphone wegen der Strahlung. Und habe D-Lan statt W-Lan. Die Hochfrequenten Felder sind auch ein großes Gesundheitsrisiko. Dir schönen Abend und herzliche Grüße von Petra

    1. Hallo liebe Petra,
      danke Dir! Es freut mich sehr, dass Dir der Blog gefällt. Es ist gut, dass Du das Smartphone nicht so oft benutzt, denn wir haben es eben überall dabei und nutzen es deswegen auch sehr oft. Den Laptop oder PC kann man nicht kurz mal aus der Tasche ziehen. 😉 Dennoch: Auch die stationäre Internetnutzung sollte natürlich Grenzen haben. Ich denke, da findest Du auch viele Anregungen hier. Du nutzt also das Internet über das Stromnetz? Das ist eine gute Alternative fürs W-Lan, insofern die Infrastruktur es hergibt. Ein guter Tipp! Ansonsten kann ich auch nur dazu raten, die Zeitschaltung, die es in vielen Routern gibt, zu nutzen und das W-Lan wenigstens nachts abzuschalten. Mache ich schon lange so.
      Viele Grüße
      Karo

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