Die unendliche Gleichzeitigkeit des Seins – warum Multitasking nicht funktioniert und was Deine Alternativen sind

Multitaskende Frau mit Handy vorm Laptop

Hast Du Dich schon mal in einer Bewerbung oder in einem Vorstellungsgespräch als “multitaskingfähig” bezeichnet?

Ja? Dann hast Du gelogen! *zwinker*

Warum dem so ist, erfährst Du in diesem Blogartikel.

Was war gleich nochmal Multitasking?

Eigentlich kommt der Begriff aus dem Computerbereich. Wikipedia definiert es so:

Der Begriff Multitasking [ˌmʌltiˈtɑːskɪŋ] (engl.) bzw. Mehrprozessbetrieb bezeichnet die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben (Tasks) (quasi-)nebenläufig auszuführen.1

Auf uns Menschen übersetzt bedeutet das: Multitasking ist, wenn wir mehrere Aufgaben oder Tätigkeiten gleichzeitig ausführen.

Gerade im Berufsleben galt Multitasking lange Zeit als unverzichtbare Kompetenz. Was auch logisch ist, wenn man sich einen Bürojob anschaut: Wer Computer, Telefon, eventuell noch Handy und natürlich auch Kollegen vor der Nase hat, der weiß, was es heißt, wenn alle gleichzeitig nach Aufmerksamkeit schreien.

Auch ich habe mich für eine hervorragende Multitaskerin gehalten. Weil ich so gut mehrere Dinge parallel erledigen konnte. Zum Beispiel das Frühstück zubereiten, währenddessen die Waschmaschine anschmeißen, schnell noch die Küchenzeile schrubben und den Hund füttern.

Fällt Dir etwas auf?

Ich habe nie alles tatsächlich gleichzeitig gemacht, sondern immer wieder eine Sache unterbrochen, um eine andere zu tun. Und genauso funktioniert unser Gehirn.

Oh Schreck! Unser Hirn kann gar nicht multitasken!

Kann es wirklich nicht? Neurobiologisch betrachtet ist die Antwort ganz klar “Nein”. Unser Hirn hat zwei Fronttallappen und kann damit maximal zwei Tätigkeiten parallel verarbeiten.

Wobei das auch nicht ganz richtig ist: Es switcht zwischen den beiden Aufgaben hin und her, indem es die eine unterbricht und quasi zwischenspeichert, sich dann um die andere kümmert usw.

Um nochmal das Bild vom Computer zu bemühen: Wenn Dein PC zu wenig Arbeitsspeicher (in unserem Gehirn nennt sich das Arbeitsgedächtnis) hat, dann ist er schnell überfordert, wenn Du mehrere Programme gleichzeitig laufen lässt.

Je mehr Fenster Du öffnest, desto langsamer wird er. Bis er sich am Ende vielleicht sogar aufhängt und nichts mehr geht.

Wenn sich jemand also für besonders multitaskingfähig hält, dann hat sich er allenfalls antrainiert, schneller hin- und herzuswitchen. Wirklich alles gleichzeitig verarbeiten kann er dennoch nicht.

Multitasking funktioniert wenn überhaupt nur dann, wenn wir etwas tun, das automatisiert abläuft und auf das wir uns nicht 100-prozentig konzentrieren müssen. Wenn wir also staubsaugen, dann können wir auch dabei Musik hören, ohne dass wir für den Hausputz länger brauchen.

Bei komplexeren Tätigkeiten klappt das nicht.

Und wenn wir trotzdem mehrere Sachen gleichzeitig tun?

Eine Studie hat zum Beispiel gezeigt, dass Menschen, die beim Autofahren telefonieren, eine genauso bescheidene Reaktionsfähigkeit und Aufmerksamkeit haben, wie angetrunkene Fahrer mit 0,8 Promille Alkohol im Blut.

Eine andere hat ergeben, dass selbst hochbegabte Harvard-Studenten beim Multitasken nur noch eine Gedächtnisleistung haben, die mit achtjährigen Kindern vergleichbar ist.2

Manche Hirnforscher vermuten sogar, dass in den Momenten, in denen wir viele Dinge gleichzeitig tun, unser IQ um 10 Prozent niedriger ist, als wenn wir uns auf eine Sache konzentrieren.

Multitasking bringt uns null voran

Wenn wir also versuchen, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, kommt meistens nicht das Ergebnis dabei heraus, das möglich gewesen wäre, wenn wir uns den Dingen einzeln nacheinander gewidmet hätten.

Du kennst das: Wenn Du am Telefon bist und Dir gleichzeitig Notizen machst, dann hörst Du Deinem Gesprächspartner nicht 100-prozentig zu und schreibst auch nicht alles korrekt auf.

Wenn Du für Deine Arbeit recherchierst und dabei mit Kollegen oder Freunden chattest, dann dauert Deine Recherche wesentlich länger.

Kurzum: Multitasken wir, brauchen wir fast immer länger für eine Aufgabe und liefern dann auch noch oft schlechteres Ergebnis ab.

Nicht selten haben wir auch am Ende des Tages das Gefühl, zwar tausend Dinge gleichzeitig getan, aber trotzdem nichts geschafft zu haben. Ein mieses Gefühl, wenn wir ehrlich sind.

Betrachten wir es also nochmal sachlich: Multitasking sollte vor allem die Effizienz unserer Arbeit steigern.

Stattdessen sinkt sie aber. Weil unser Gehirn an seine natürlichen, kognitiven Grenzen gerät, wenn wir alles parallel händeln wollen bzw. sollen.

Versuchen wir es dennoch, nehmen unsere Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit rapide ab. Doch nicht nur das: Gleichzeitig steigt unser Stresspegel.

Stress lass nach!

Dass anhaltender Stress unserer Gesundheit schadet, muss ich Dir wahrscheinlich nicht erzählen.

Daher nur kurz ein Ausflug in die Evolutionsbiologie: Als wir noch Jäger und Sammler waren, hatten wir zum Beispiel dann Stress, wenn wir Auge in Auge mit einem gefährlichen Tier standen. Unser Körper war dann in Alarmbereitschaft, schüttete allerlei Botenstoffe aus und es gab für uns drei Möglichkeiten, wie wir uns verhalten konnten: Angriff, Flucht oder Erstarren.

Dummerweise machen sich diese drei Optionen heutzutage im Arbeitsleben nicht gut.

Was passiert also? Wir halten den Stress aus und müssen mit Gefühlen wie Sorge, Angst, Ungeduld, Irritation, Reizbarkeit, Ärger oder Panik umgehen.

Kümmern wir uns dann im Privatleben nicht um genug Ausgleich, verwandelt sich der Stress in Dauerstress. Und der macht uns nachweislich krank.

Digitale Medien zwingen uns zum Multitasken

Warum ich mich mit dem Thema Multitasking beschäftige, liegt daran, dass wir seit dem Aufkommen digitaler Medien immer häufiger multitasken müssen.

Stand früher allenfalls noch ein analoges Telefon auf dem Büroschreibtisch, haben wir heute sowohl auf der Arbeit als auch Zuhause eine Vielzahl digitaler Gerätschaften um uns, die alle unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Besonders das Smartphone ist ein Ablenkungsmedium par ex­cel­lence. Es unterbricht uns ständig, wenn wir es zulassen, und sorgt so dafür, dass wir uns auf nichts mehr richtig konzentrieren.

Was diese Unterbrechungen mit uns machen, das erkläre ich Dir ausführlich in diesem Artikel.

Und hier drei Tipps, wie Du Dich besser auf eine Sache konzentrieren kannst:

Kanalisieren

Lass Dich von minütlich eintreffenden E-Mails oder Nachrichten nicht aus der Konzentration bringen (am Ende meines Artikels über Unterbrechungen findest Du Tipps dazu).

Öffne Dein Postfach oder die App also am besten nur dann, wenn Du wirklich Zeit hast, Nachrichten zu beantworten. Und dann tu’ das. Nur das.

Ständig zwischen unterschiedlichen Aufgaben hin- und herzuswitchen ist für Dein Hirn viel anstrengender als Dinge nacheinander um am Stück zu erledigen. Sammele also E-Mails und Nachrichten und bearbeite sie dann im Block.

Fokussieren

Wenn Du schon Deine Nachrichten am Stück beantwortest, ist es nur sinnvoll, auch mit anderen Aufgaben so zu verfahren. Bündele alles, was ähnlich ist, und erledige dann ein Aufgabenbündel nach dem anderen.

Es hält zum Beispiel furchtbar auf, wenn Du einen Text schreiben möchtest, aber bei jedem dritten Satz ins Netz gehst, um Infos zu recherchieren. Ich weiß, wovon ich rede. Sinnvoller ist es, erst die offenen Punkte zu recherchieren und dann zu schreiben.

Und damit Du nicht dazu verführt wirst, im wahrsten Sinne des Wortes zu multitasken: Beschränke Dich am Bildschirm auf so wenig offene Tasks bzw. Fenster wie möglich. Das bringt Dir Klarheit und Du kannst Dich besser auf die aktuelle Sache konzentrieren.

Offline gehen

Wenn Du Dich voll und ganz etwas widmen möchtest, ob nun Deiner Arbeit, einem guten Film oder einer Freundin, dann geh’ offline. Schalte Dein Smartphone in den Flugmodus und leg es außer Sichtweite.

Beim PC kannst Du die Internetverbindung trennen oder einfach alle Programme, die auf Online-Inhalte zugreifen, schließen. Machst Du das Ganze auf der Arbeit, solltest Du das mit Deinen Kollegen oder Kunden besprechen, damit jeder Bescheid weiß.

Du kannst beim Handy auch bestimmte Apps wie zum Beispiel “Quality Time”3 benutzen, die andere Apps für eine von Dir festgelegte Zeit blockieren. Mehr darüber demnächst auf meinem Blog.

Was schlägst Du dem Multitasking ein Schnippchen? Erzähl mir davon in den Kommentaren!

Fußnoten

  1. Hier der Wikipedia-Eintrag zum Multitasking.
  2. Hier findest Du mehr über Multitasking-Studien.
  3. Hier kannst Du Dir die Digital-Detox-App “Quality Time” anschauen und downloaden.

2 Kommentare bei „Die unendliche Gleichzeitigkeit des Seins – warum Multitasking nicht funktioniert und was Deine Alternativen sind“

  1. Ich habe deinen Blog gerade über deinen Kommentar zu meinem Post in der Bloggeria auf Facebook entdeckt und muss mich jetzt gleich doppelt fürs Kommentieren bedanken. Mir gefällt dein Blog sehr gut, deine Beiträge regen zum Nachdenken an und sind logisch und schlüssig. Ich hab jetzt gleich mal schuldbewusst mein Smartphone auf Flugmodus gestellt, um mich wieder dem Lernen widmen zu können 😀
    Liebe Grüße,
    Julie

    1. Hey, lieben Dank für Dein Feedback! Aber bitte nicht schuldig fühlen. Mach aus “schuldbewusst” ein “bewusst” – dann passt das schon! 🙂 Viele Grüße Karo

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