Sei kein Standby-Sklave! 10 Tipps gegen ständige Erreichbarkeit und digitale Ausbeutung (Teil 1)

Frau hat sich aus der Standby-Falle befreit und küsst ihren Boxhandschuh

Wer ständig erreichbar ist, ist unterbeschäftigt. Oder aufmerksamkeitsgestört. Beides ist weder beruflich noch privat ein Gütesiegel.1 − Anitra Eggler, Journalistin und Digital-Detox-Expertin

Wir schreiben 2017 und diese provokante und hochaktuelle Aussage ist gerade einmal ein Jahr alt. Neu ist das Dilemma um die Dauererreichbarkeit aber keineswegs.

Es ist schon zehn Jahre her, dass die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel ein Buch mit dem Titel „Das Glück der Unerreichbarkeit“ herausbrachte.

Wohlgemerkt: Als sie das Buch verfasst hat, hatte noch niemand ein iPhone. Wir liefen noch mit herkömmlichen Handys herum und schrieben SMS.

Und trotzdem erkannte Miriam Meckel schon damals, dass die ständige Erreichbarkeit via Handy und E-Mail ein Problem ist, das unsere Lebensqualität stark beeinträchtigen kann.

Ständige Erreichbarkeit macht uns zum Dauerarbeiter

Heute hat das Smartphone die Grenzen zwischen Job und Privatleben längst aufgeweicht. Natürlich haben digitale Kommunikationstechniken den Vorteil, dass wir ortsunabhängiger und flexibler arbeiten können. Und das ist praktisch!

Doch die Schwierigkeiten, die sich aus dieser Entwicklung ergeben, wiegen schwerer als die positiven Aspekte: Viele von uns checken auch außerhalb der Arbeitszeit Jobmails. Nehmen Anrufe von Kollegen im Urlaub entgegen. Dass der Chef um elf Uhr abends noch eine E-Mail schickt, die wir bitte vor dem Auftauchen im Büro am nächsten Tag beantworten sollen − Usus in vielen Unternehmen.

Die Folge: Wir fühlen uns überfordert.

Wir machen keine richtigen Pausen mehr, leiden unter Stresssymptomen wie Schlafstörungen, Unruhe usw., können kaum noch abschalten und nicht wenige bekommen schließlich einen Burnout. Das belegen unzählige Untersuchungen, wie zum Beispiel eine YouGov-Studie aus 2016, nach der gut zwei Drittel ständige Erreichbarkeit im Job als Belastung für ihr Privat- und Familienleben ansehen.2

Wenn wir früher das Büro verlassen haben, hatten wir Feierabend. Waren wir nicht zuhause, konnte uns keiner erreichen. Festnetz sei dank.

Nicht, dass unsere Freizeit immer stressfrei gewesen wäre. Aber dennoch, wir hatten zumindest offiziell unsere Ruhe vor Kollegen und Bossen. Was wir mit der freien Zeit anfingen, war uns überlassen − und das ist heute auch noch so. Eigentlich …

… denn dann kam das Handy. Und mit ihm die Möglichkeit, jederzeit telefonisch erreichbar zu sein. Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine Verpflichtung: Hast Du ein Handy, hat es gefälligst eingeschaltet zu sein und Du hast ranzugehen.3

Ich frage mich: Wo steht das geschrieben? Gibt es da irgendein Gesetz? Ich wüsste nicht. Und wenn dem nicht so ist, dann arbeiten wir in der Zeit, in der wir uns durchs Handy triezen lassen, schlichtweg umsonst. Und wie gaga ist das bitte?

Klar, es gibt Jobs, da ist ein Handy unumgänglich. Bei Ärzten, Feuerwehrleuten, Polizisten usw. Aber wir gehören meist nicht diesen Berufsgruppen an, in denen wir immer auf Standby sein müssen.

Warum tun es dann trotzdem so viele von uns? Weil es erwartet wird.

Wobei zu klären wäre, ob es eine tatsächliche Erwartungshaltung des Chefs, der Kollegen oder der Kunden ist. Oder ob wir nur glauben, dass sie es von uns erwarten. Denn es liegt in der Natur unausgesprochener Gesetze, dass wir nicht darüber sprechen und sie damit auch nicht offen in Frage stellen.

Außerdem kommt noch das Unding hinzu, dass viele Unternehmer versuchen, die dünne Personaldecke zu kompensieren, indem sie ihre Mitarbeiter über digitale Medien auch nach Feierabend arbeiten lassen. Ein Umstand, der so nicht tragbar ist.

Wehr Dich gegen digitale Ausbeutung!

Wenn Du also zu denjenigen gehörst, die für Chef und Kollegen immer erreichbar ist, dann frage Dich:

Hast Du irgendwo einen Vertrag unterschrieben, der diese Erreichbarkeit beinhaltet?

Bist Du Dir 100-prozentig sicher, dass alle anderen von Dir erwarten, dass Du immer reagierst? Oder machst Du es nur, weil Du denkst, Du müsstest es tun?

Weißt Du sicher, wie Deine Kollegen und Dein Chef wirklich darüber denken?

Was sagt es über Dich aus, wenn Du wie ein Sklave immer auf Abruf bist?

Und was passiert, wenn Du mal nicht unmittelbar erreichbar bist?

Höchstwahrscheinlich wird NICHTS passieren, was dem Unternehmen schadet!

Die (Büro-)Welt hat sich auch früher gedreht, wenn wir Feierabend hatten und ihn auch wirklich lebten. Warum sollte sie heute nachhaltig ins Stocken geraten, nur weil wir etwas später reagieren? Zu „normalen“ Zeiten?

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir uns alle gegenseitig Stress machen mit der Dauererreichbarkeit. Weil jeder denkt, es müsste so sein.

Keiner ausspricht, dass es nervt und einfach nur Bullshit ist, aufgrund des Handys ein Standby-Sklave zu sein.

Niemand den Mut hat, aus dem Teufelskreis ausbrechen, deswegen mitmacht und andere damit genauso unter Druck setzt wie sich selbst.

Es gibt genug Studien, die zeigen, dass die digitale Revolution keine Produktivitätssteigerung mit sich gebracht hat − im Gegenteil. Also weg von der ständigen Erreichbarkeit, hin zu mehr Selbstbestimmung!

Es liegt bei Dir: Mach den Anfang und steh zu Deinem total menschlichen Bedürfnis nach Ruhe und Abschalten! Leb vor, wie es künftig laufen soll bei Deiner Arbeit! Motiviere andere, mitzumachen!

Wir müssen um eine neue Kommunikationskultur kämpfen

Klingt martialisch, aber ich bin überzeugt, dass wir eine neue digitale Kommunikationskultur brauchen. Große Konzerne machen es vor: Im Silicon Valley gibt’s handyfreie Tage, Daimler lässt E-Mails, die während des Urlaubs eingehen, löschen, bei der Telekom muss niemand nach Dienstschluss E-Mails lesen und bei VW schaltet sich der Mailserver abends ab.4

Die Franzosen haben sogar eine gesetzliche Regelung, die Arbeitnehmer aus der Pflicht nimmt, außerhalb der Arbeitszeit auf E-Mails und Anrufe reagieren zu müssen.5 Allerdings wird die Nichteinhaltung nicht bestraft. Wir müssen also genau hinschauen, wo die Maßnahme nur Image-Blabla ist und wo sie tatsächlich sinnvoll umgesetzt wird.

Eine Universalregelung wird es wohl ohnehin nicht geben können. Dazu sind die Prozesse in Unternehmen zu unterschiedlich. Aber irgendwo müssen wir anfangen. Am besten bei uns selbst.

Ich weiß, dass es nicht einfach ist, als „kleiner Angestellter“ gängige Kommunikationspraktiken im Unternehmen in Frage zu stellen oder gar umwerfen zu wollen.

Aber ich glaube, dass wir gute Chancen haben, wenn wir uns mit Kollegen zusammentun und uns dann beim Chef nicht beschweren, sondern gleich praktikable Lösungsvorschläge anbieten, die wir dann gemeinsam umsetzen können (siehe Tipp).

Mir ist wichtig zu betonen, dass hier beide Seiten an einem Strang ziehen müssen: Du kannst nicht allein Deinem Chef bzw. dem Unternehmen die Verantwortung für den drohenden digitalen Burnout zuschieben. Genauso wenig ist okay, wenn Dich Dein Arbeitgeber damit im Regen stehen lässt.

Proaktiv die Sache anzugehen, das Problem also offen anzusprechen und zu diskutieren, ist meines Erachtens der einzige Weg aus der Misere. Denn solange jeder für sich im Hamsterrad mitläuft und keiner sagt, was ihn fertig macht, denkt auch ein Chef, das alles in Ordnung ist.

Solo-Selbstständige wie ich haben es da leichter, weil wir uns nicht mit Kollegen und Chefs auseinandersetzen müssen. Aber auch bei uns ist die Gefahr, für Kunden immer erreichbar sein zu wollen und uns damit über Gebühr zu stressen, relativ hoch.

Auch ich hatte lange Zeit Schiss davor, was meine Kunden anstellen könnten, wenn sie mich mal nicht erreichen. Ich habe mein Festnetztelefon aufs Handy umgeleitet und sogar in meinem spärlichen Urlaub E-Mails beantwortet. Aus Angst, mir könnte ein Auftrag entgehen.

Bis ich gemerkt habe: Wenn ich klar kommuniziere, wann ich erreichbar bin und wann nicht, passiert nichts Schlimmes. Im Gegenteil − ich kann endlich abschalten, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben!

Es geht also auch um das Mindset, mit dem wir der digitalen Ausbeutung begegnen − egal, wo wir arbeiten.

Damit Du für Dich den richtigen Weg aus der Dauererreichbarkeits-Falle findest, habe ich Dir zehn Tipps zusammengestellt. Sie sollen eine Anregung sein, wie Du Deinen Arbeitsalltag künftig gestalten könntest.

Damit sie Dich nicht erschlagen, kommen hier die ersten fünf und im zweiten Teil der Artikelserie die anderen.

#1 Sprich mit Deinem Chef

Ja, das ist heikel, ich weiß. Keiner von uns spricht gern Negatives beim Chef an.6 Wenn wir aber die Füße still halten, dürfen wir uns auch nicht beschweren, wenn sich nichts ändert.

Ich habe es oben angesprochen: Verbündete zu finden ist das A und O. Damit klar wird, dass es sich nicht um Dein persönliches Problem handelt, sondern um ein globales, das viele Mitarbeiter betrifft.

Wenn Du genug Kollegen beisammen hast, überlegt Euch, was stört und was die Situation verbessern könnte. Dafür können die weiteren Tipps hier Anregungen sein.

Findet Regeln, die für Euch praktikabel und für das Unternehmen passend sind und stellt sie Eurem Chef vor. Nicht als in Stein gemeißelt, sondern als Vorschläge.

Stellt in der Besprechung unbedingt heraus, was die Vorteile wären: gesündere Mitarbeiter, die sich besser konzentrieren, effizienter arbeiten, weniger Fehler machen und sich mit ihrer Arbeit besser fühlen − was sich nicht nur in der Arbeitsatmosphäre, sondern vor allem auch in den Zahlen niederschlagen würde.

Um das Ganze anschaulich zu machen, unterfüttert die Argumente mit konkreten Beispielen aus Eurem Arbeitsalltag. Sucht Euch Situationen heraus, in denen mit neuen Regelungen etwas hätte besser laufen können als es tatsächlich gelaufen ist usw.

Wenn Image bei Euch eine wichtige Rolle spielt, könnte auch die Vorreiterrolle gegenüber anderen Unternehmen ein Anreiz für den Chef sein, neue Regeln einzuführen.

Und letzten Endes hätte Euer Boss sicherlich selbst einen erholsameren Feierabend, wenn auch er sich an die neuen Regeln halten würde. Das für ihn zu visualisieren, kann ebenfalls Schlüssel sein. Wenn er sich nämlich selbst gestresst fühlt, wird er eher nachempfinden können, wie Du und Deine Kollegen sich fühlen.

Ratsam kann es auch sein, sich vom Betriebsrat, einer psychologisch geschulten Vertrauensperson im Unternehmen oder gar von einer externen Unternehmensberatung7 unterstützen zu lassen.

#2 Schalte Dein Diensthandy nach Feierabend aus

Ja, das ist wieder ein sehr banaler Tipp, aber wenn Du ein Diensthandy hast, dann solltest Du es in Deiner privaten Zeit ausschalten. Denn es ist eben ein Job- und kein Privathandy.

Schalte das Gerät auch ganz bewusst komplett aus, um für Dich den Feierabend und damit eine Grenze zu markieren und loszulassen.

Noch besser: Lass das Ding gleich im Büro liegen.

#3 Mach klare Mailboxansagen

Viel Stress kannst Du vermeiden, indem Du bereits auf Deiner Sprach-Mailbox deutlich machst, dass Du nicht binnen Sekunden zurückrufen wirst. Bleib unkonkret, was Deine Reaktion(szeit) angeht.

Eine Ansage wie „Hallo, das ist die Mailbox von XY. Ich rufe zurück, sofern Sie mir eine Nachricht hinterlassen“ reicht ebenso aus wie „… Sie rufen außerhalb meiner Bürozeiten an, in denen ich mich gern zurückmelde, wenn Sie mir eine Nachricht hinterlassen.“

Ich verweise zum Beispiel auch gern darauf, dass der Anrufer mir eine E-Mail schreiben soll und ich mich dann melde. Denn meistens ist es dann so, dass weder eine Nachricht noch eine E-Mail kommt, weil das Anliegen offensichtlich doch nicht sooo wichtig war.

Ist alles Geschmackssache. Entscheidend ist, dass Du freundlich vermittelst, dass Du kein Telefonsklave bist. Die von mir gern zitierte Anitra Eggler löst es auf ihrer Mailbox so: „Hallo, ich bin Anitra Eggler und das ist meine Mailbox. Nach Ihrer Nachricht ist vor meinem Anruf!“8

#4 Wähle Deine Kontakte bewusst aus

Überlege Dir genau, wem Du auf der Arbeit Deine private Handynummer gibst. Nicht jeder Kollege muss sie kennen. Eine Festnetznummer für Notfälle tut es allemal. Wenn Du nicht total dicke mit jemandem bist, muss er Dir auch nicht auf WhatsApp etc. schreiben können.

Jeder, der Deine Nummer hat, kann sie nutzen und ihm ist die Zeit dann wahrscheinlich herzlich egal. Das bedeutet, mit jedem weiteren Kontakt steigt die Wahrscheinlichkeit von Störungen. Minimiere sie daher.

#5 Nutze den Nicht-Stören-Modus

Wenn Du kein spezielles Smartphone für den Job hast, dann sorge dafür, dass Dich alles, was den Job angeht, in Deiner freien Zeit nicht erreicht.

Viele Smartphones bieten einen Nicht-Stören-Modus, der sich entsprechend konfigurieren lässt.9 Du kannst diesen Modus zum Beispiel so einrichten, dass er sich zu einer bestimmten Uhrzeit (Feierabend) automatisch einschaltet. Dann werden unter anderem alle Klingeltöne deaktiviert und das Handy wird stumm. Sogar Anrufe lassen sich je nach Modell abweisen.

Wenn Du für private Kontakte erreichbar bleiben willst, kannst Du auch das einstellen, denn Du kannst bei vielen Smartphones Ausnahmen definieren.

 

Der zweite Teil dieser Artikelserie ist online! Da erwarten Dich weitere Tipps für Deine Unerreichbarkeits-Mission! 🙂

Fußnoten

  1. Zitat aus dem Buch „Mail halten“ von Anitra Eggler, S. 186.
  2. Quelle ist ein Artikel in der Zeit über ständige Erreichbarkeit im Job.
  3. Dazu habe ich übrigens ein Video aufgenommen, das Du Dir hier anschauen kannst.
  4. Ein Artikel über Unternehmen, die Maßnahmen gegen Dauererreichbarkeit ergreifen.
  5. Hier der Artikel über das Recht der Franzosen, abzuschalten.
  6. Ein Artikel mit Tipps, wie man Kritik beim Chef anbringen kann.
  7. Zum Beispiel bietet The Digital Detox dazu Seminare usw. an.
  8. Zitat aus „Mail halten“, S. 139.
  9. Eine Anleitung für den Nicht-Stören-Modus bei Android-Handys.

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