271 Tage war sie ohne eigenes Internet – Gabis inspirierende Botschaft: „Trau Dir mehr zu!“

Der Internetzugang streikt.

Das kommt schon mal vor, denkst Du Dir. Ist nervig, aber dauert ja nicht lange.1

Doch was wäre, wenn er ein Dreivierteljahr nicht mehr funktioniert?

Meine Freundin Gabi hat genau das erlebt.

Grund war ein technisches Problem, welches ihr Internetprovider zunächst nicht beheben konnte. Und dann nicht mehr beheben wollte, weil sie sich weigerte, weiter Gebühren für nichts zu bezahlen.

Da ihr Vertrag noch bis Jahresende lief, konnte sie vorher auch nicht zu einem anderen Anbieter wechseln.

Am Ende lebte Gabi 271 Tage ohne eigenen Telefon- und Internetanschluss.

Über ihr Smartphone und einen ständig gedrosselten Datentarif hielt sie die Verbindung zur digitalen Welt aufrecht.

Ich habe mit ihr darüber gesprochen, wie sie die unfreiwillige Einschränkung erlebt hat – und Erstaunliches erfahren.

 

Gabi, Du warst 271 Tage ohne eigenes Internet. Seit dem 9. Januar funktioniert es wieder. Wie hast diesen Tag erlebt? 

Du wirst es nicht glauben, aber ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Ich saß am PC und dachte: „Toll, jetzt hast Du wieder Internet. Und jetzt?“

Also kein Glücksgefühl? Die Zeit ohne schnelles Internet muss doch anstrengend gewesen sein?

Das, was mich die meisten Nerven gekostet hat, waren die Auseinandersetzungen mit meinem Anbieter. Diese frustrierende Kommunikation und das Hin und Her mit Mahnungen und Gutschriften, dann das Suchen eines neues Anbieters, mit dem es dann auch erst nicht klappte, weil der Anschluss ja blockiert war. Abgesehen davon, dass mir auch wichtige Daten verloren gingen durch den Netzausfall, war das das Ärgerlichste an der ganzen Sache. Aber ich bin natürlich auch nicht beruflich aufs Internet angewiesen. Mein Job läuft fast komplett offline ab. Wäre dem nicht so, wäre die Lage anders gewesen.

Es hat Dich also nicht gestört, dass Du nur noch mit Deinem Smartphone ins Netz konntest – und das ja oft mit einer sehr langsamen Verbindung, weil die Datenrate ständig gedrosselt war?

Wie Du weißt, bin ich ein Mensch, der Umstände gut akzeptieren kann. Das heißt nicht, dass ich alles gut finde, sondern dass es aus meiner Sicht nichts bringt, sich an Dingen aufzureiben, die man nicht ändern kann. Außerdem hatte ich schon immer ein abgeklärtes Verhältnis zum Internet und zum Handy. Für mich ist das Internet in erster Linie Informationsquelle – zum Beispiel, um Lost Places ausfindig zu machen, an denen ich fotografieren kann. Selbst Facebook stellt für mich kein soziales Netzwerk dar, sondern nur eine weitere Recherchemöglichkeit. Insofern ist das Internet für mich nur eine Ergänzung, ein Plus zu meinem echten Leben. Ähnlich ist es mit dem Smartphone. Das ist nicht, wie ich bei manchen beobachte, eine Verlängerung meiner Selbst, sondern einfach nur ein praktisches Tool, das mir den Alltag erleichtert.

Einfach mal schnell etwas nachzuschauen war ja dann sehr mühselig. Wie bist Du damit umgegangen?

Du bekommst sehr schnell ein Bewusstsein dafür, was wirklich wichtig ist. Du googlest nicht mehr jeden Blödsinn, sondern nur noch das, was in dem Moment relevant ist, wie: Wann hat der Laden auf? Welche Nummer hat der Arzt? Du fängst an, Dich auf das Wesentliche zu reduzieren. Es war für mich sowieso ungewohnt, das Handy für so etwas zu benutzen. Denn vorher habe ich es kaum zum Surfen genutzt.

Wofür benutzt Du denn Dein Handy?

Eben für praktische Dinge, also zum Beispiel als Navi oder ich schaue nach, wo der Sprit gerade günstig ist. Und dann benutze ich noch WhatsApp. Aber weniger als Kommunikationskanal, sondern eher, um mich zu verabreden oder ähnliches. Da ich nicht gern spiele, habe ich auch keine Apps, die mich zum Daddeln verführen könnten. Für mich muss jede App einen praktischen Nutzen haben.

Und wenn die Benachrichtigungsleuchte Deines Smartphones blinkt?

Dann blinkt sie. (lacht) Ich weiß, worauf Du hinaus willst. Aber bei mir löst das keinen Schlüsselreiz aus.

Du bist dann nicht neugierig und schaust nach?

Ich kann das Blinken sehr gut ignorieren. Wäre ich nicht so faul, hätte ich es auch schon deaktiviert. Ich schaue dann nach meinen Nachrichten, wenn ich Zeit und Lust dazu habe und nicht, wenn das Handy nach mir schreit.

Sammelt sich bei der Vorgehensweise nicht einiges an, das dann „abgearbeitet“ werden will?

Och, da können schon viele Nachrichten zusammenkommen. Aber ich habe keinen Druck, alle in dem Moment, in dem ich sie lese, beantworten zu müssen. Ich schaue mir die Nachrichten kurz an und wenn mir etwas wichtig oder dringlich erscheint, dann antworte ich da zuerst. Andere lasse ich auch mal ein paar Tage „liegen“. Dabei priorisiere ich nicht danach, wie wichtig mir ein Mensch ist, sondern eben nach dem Anlass bzw. dem Thema der Nachricht.

Stimmt, manchmal antwortest Du schnell und manchmal dauert es auch mal eine Woche! (lacht) Deine Methode wäre für viele Menschen aber schwierig, weil sie das Gefühl haben, sofort antworten zu müssen. Oder die Erwartungshaltung haben, dass andere ad hoc reagieren sollten. Wie erklärst Du Dir, dass Du immun dagegen bzw. gegen die Reize des Handys oder auch sozialer Netzwerke bist?

Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass ich ein Mensch bin, der sich selbst genügt und der mit sich im Reinen ist. Ich muss mich nicht in virtuelle Welten flüchten, habe kein Bedürfnis, mich zu profilieren oder besser darzustellen, als ich bin. Denn ich brauche keine Bestätigung von außen. Auf gut deutsch: Es ist mir egal, was andere von mir denken. Vom Urteil anderer Menschen unabhängig zu sein und gut mit sich allein klarzukommen – das sind meiner Ansicht nach die Gründe, warum ich eben nicht auf das Blinken des Handys warte. Ich kann sehr gut für mich sein und nehme mir auch die Zeit, einfach mal nichts zu tun. Das halten ja viele Menschen gar nicht mehr aus.

Denkst Du, es hat auch etwas mit dem sozialen Umfeld zu tun?

Auf jeden Fall! Meine Leute ticken fast alle wie ich. Da ist niemand beleidigt, wenn ich mal länger nicht antworte. Für uns ist das reale Zusammensein entscheidend. Deswegen habe ich auch nicht das Gefühl, auf Facebook etwas zu verpassen, wenn ich mal ein paar Tage nicht reinschaue. Gerade bei Menschen, die in meiner Nähe wohnen, käme ich nie auf die Idee, mich stundenlang über einen Messenger zu unterhalten. Wir treffen uns und dann ist das Handy ohnehin Nebensache, weil mir das echte Gespräch wichtig ist. Und weil mich jeder so nimmt wie ich bin, habe ich auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht dauernd am Handy präsent bin. Aber klar: Ich habe auch Freunde, die weiter weg wohnen. Und da ist WhatsApp total praktisch.

Ich wollte es gerade sagen – so ganz ohne Internet und Handy könntest Du auch nicht, oder?

Nein. Wenn ich komplett offline gewesen wäre, hätte mich das schon vor Probleme gestellt. Allein schon deshalb, weil ich so gut wie nie von mir aus jemanden anrufe. Insofern wäre das Pflegen meiner Kontakte zu einer echten Herausforderung geworden. Und viele Dinge erledigt man eben auch schneller und bequemer im Netz – Onlinebanking zum Beispiel.

Da sprichst Du etwas an: Du musstest ja vieles, was man sonst im Netz erledigt, wieder „analog“ machen. War das stressig für Dich? Oder hat es Dein Leben vielleicht sogar entschleunigt?

Wenn ich es überhaupt Stress nennen würde, dann war es positiver Stress. Natürlich war es manchmal nervig, wegen jeder Kleinigkeit ins Auto zu steigen. Aber Du musst es ja so sehen: Du hast ja dann auch mehr Zeit für diese Dinge, weil Du weniger Zeit im Netz verbringst. Insofern hat sich das in etwa kompensiert. Und mit positivem Stress meine ich, dass ich es genossen habe, wieder mehr in echtem Kontakt mit Menschen zu sein. Sonst bestellst Du fast alles im Onlineshop. So bist Du wieder in einem echten Laden, wirst beraten und unterhältst Dich einfach nett. Insofern war das eher eine positive Erfahrung.

Wenn Du schon resümierst: Hat sich Dein Leben durch diese Erfahrung verändert? Nutzt Du digitale Medien nun anders?

Ich würde Dir gern sagen, dass ich nun noch weniger im Netz bin als vorher. (lacht) Aber um bei der Wahrheit zu bleiben: Mein Nutzungsverhalten hat sich kaum verändert. Was wahrscheinlich daran liegt, dass ich vorher auch kein Internet- oder Smartphone-Junkie war. Sonst sähe das jetzt vermutlich anders aus. Was ich auf jeden Fall beibehalten möchte, ist das regionale Einkaufen. Ich habe zwar nie viel im Internet bestellt, aber mir ist einfach aufgefallen, dass das herkömmliche Einkaufen mit viel mehr Freude verbunden ist – und man tut dem Einzelhandel vor Ort etwas Gutes damit.

Was würdest Du einem Menschen sagen, der Angst davor hat, mal ohne eigenes Internet zu sein oder in eine ähnliche Situation zu geraten?

Wir denken zwar immer, dass wir wahnsinnig abhängig vom Internet und Handy sind – und sicherlich stimmt das auch teilweise – aber wir sind ja ohne nicht lebensunfähig. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn wir uns also an diese Technologien gewöhnen können, dann können wir uns genauso daran gewöhnen, sie eingeschränkter, bewusster zu nutzen. Deswegen würde ich diesem Menschen sagen: Trau Dir mehr zu! Du bist anpassungsfähiger als Du denkst. Ein streikender Anschluss ist nicht das Ende der Welt, sondern vielleicht sogar ein Zugang zu einer persönlicheren.

 

Ich danke Gabi für das offene Gespräch. Warst Du schon mal länger vom Internet abgeschnitten? Oder hast Du panische Angst davor? Schreib gern in die Kommentare, was Du darüber denkst! Ich freue mich! 🙂

Fußnoten

  1. In meinem Artikel über Dinge, die Du offline tun kannst, findest Du viele Anregungen, wie Du die digitale Durststrecke sinnvoll überbrücken kannst.

2 Replies to “271 Tage war sie ohne eigenes Internet – Gabis inspirierende Botschaft: „Trau Dir mehr zu!“”

  1. Ach, welch erholsamer Artikel! Danke dafür! Ich fühle mich verstanden und auch bestätigt, weil ich mich wiederkenne: Nachrichten auch mal ein paar Tage „liegen lassen“, selten jemanden von sich aus anrufen, wenn irgendwas piept oder klingelt (Handy, PC, Telefon) wird KEIN Schlüsselreiz bei mir ausgelöst, nutzen der virtuellen Möglichkeiten unter pragmatischen Aspekten, auch ich scheine mir selber zu genügen… usw.
    Schön zu wissen: ich bin nicht alleine, es gibt sie noch, diese offline-Menschen!
    Führt leider in meinem Umfeld immer wieder zu Irritationen, aber was soll´s.
    Liebe Grüße,
    Andrea

    1. Hallo Andrea,

      lieben Dank für Deinen Kommentar. Aber natürlich gibt es solche Menschen noch – auch wenn sie wahrscheinlich in der Minderheit sind. Und für mich seid Ihr ja auch so interessant, weil wir so viel von Euch lernen können! 🙂

      Magst Du mir mehr über die „Irritationen“ Deines Umfelds erzählen? Was lösen sie bei Dir aus? Und wie reagierst Du darauf? Woran, glaubst Du, liegt es wohl, dass Du so anders damit umgehst, als andere Menschen?

      Ich wünsche Dir einen tollen sonnigen Montag!
      Karo

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