Mein Offline-Urlaubs-Experiment: Warum es nicht auf die digitale Auszeit ankommt, sondern auf die Zeit danach

Berge

Von acht ganzen auf eine Viertelstunde.

Sch…, fühlte sich das tough an.

Die Entscheidung, meine Onlinezeit bzw. Handynutzung im Urlaub drastisch zurückzufahren.

Als ich vor einem Jahr damit begonnen habe, mich intensiv mit dem Thema Digital Detox zu beschäftigen, hatte ich mir so etwas schon mal vorgenommen.

Damals bin ich zwar nicht gescheitert. Aber von einem Offline-Urlaub konnte auch keine Rede sein. Der Drang, mit daheimgebliebenen Freunden zu kommunizieren und hier und da Wartezeiten zu überbrücken, zum Beispiel während der Autofahrt, war zu stark und so griff ich immer wieder zum Smartphone.

Entsprechend groß war der Respekt vor meinem Vorhaben, diesmal nur noch maximal 15 Minuten pro Tag das Handy zu benutzen und damit 98 Prozent des Tages offline zu sein. Denn ich hatte auch sonst kein Gerät mit, mit dem ich hätte online gehen können.

Angesichts dessen, dass ich sonst werktags rund sechs Stunden am PC und nochmal rund ein bis zwei Stunden am Handy online bin, klang das nach einer ziemlich krassen Nummer.

Ich habe also am ersten Urlaubstag den täglichen Nutzungsalarm in der „Quality Time“-App auf 15 Minuten gestellt und war gespannt, wie sehr mich das nerven würde (wenn Du die App noch nicht kennst, kannst Du in meinem Artikel über Digital-Detox-Apps nachlesen, welche Vorteile sie Dir bietet).

Überraschung: Offline-Sein im Urlaub klappt!

Es überraschte mich schon sehr, wie gut es mir gelungen ist, das gesetzte Limit weitgehend einzuhalten.

Die Bilanz: An sechs von zehn Tagen habe ich das Limit eingehalten bzw. sogar unterschritten. An den restlichen Tagen war ich nur ein paar Minuten (max. neun) drüber. Da habe ich Fotos gemacht und einige auf meine Facebook-Seite geladen.

Vom ersten Tag an fühlte es sich leicht an, nicht bei jeder Gelegenheit aufs Handy zu schauen. Das hatte ich nicht erwartet, weil ich in meiner freien Zeit zuhause schon recht oft zugreife.

Da für mich schon immer galt, in Anwesenheit von Freunden und Familie nicht ständig bzw. länger aufs Display zu starren, fiel es mir wohl leichter, es auch im Urlaub zu lassen, weil meine Eltern beinahe den ganzen Tag um mich waren. Die kritische Phase abends im Bett überbrückte ich mit Lesen.

Ich checkte also einmal morgens und abends kurz meine E-Mails, meine FB-Seite, das Wetter und meine Hamster-Cam (ja, ich schaue ab und an, was mein Hamster macht, wenn ich weg bin *lach*).

Mir fiel außerdem mal wieder auf, wie lange ich trotz schnellen Tippens brauche, um auf Messenger-Nachrichten zu antworten. Also beschränkte ich mich auf das Nötigste. Auch, weil es keinen WLAN-Empfang gab und mobile Daten in der Nicht-EU immer noch Geld kosten. Dass ich nicht ausufernd geantwortet habe, hat mir keiner übel genommen.

Es war also nicht der befürchtete Kampf mit mir selbst, die Finger vom Handy zu lassen.

Okay, es war für mich im Urlaub nie ein großes Problem, das Teil mal acht Stunden irgendwo herumliegen zu lassen.

Dennoch. Ich hatte mehr Zuckungen erwartet. Und so gesehen war es eine wunderbare Zeit, in der ich buchstäblich abschalten und entspannen konnte.

Urlaub ist nicht Alltag!

Viel interessanter als die Urlaubszeit war aber die Zeit danach. Ich war für ein paar Tage zuhause, bevor ich mich auf den Weg zu Freunden in den Norden machte.

Und was ist in diesen Tagen passiert? Du ahnst es: Ich nutzte mein Handy fast genauso häufig wie vor dem Urlaub!

Das ist genau die Krux: Einerseits zeigen uns (Fast-)Offline-Urlaube, dass es − zumindest privat − auch fast ohne geht. Und das ist eine extrem beruhigende Erkenntnis, die motiviert!

Aber Urlaub ist nicht Alltag. Und das macht es schwierig, die Abstinenz, die sich fern der Heimat noch leicht und natürlich anfühlt, auch zuhause zu leben, ohne dass wir das Gefühl haben, dass wir auf etwas verzichten müssten.

Deswegen glaube ich, dass Offline-Wochenenden oder -Urlaube allein keine nachhaltige Wirkung entfalten können, wenn wir keine Strategien daraus ableiten, die uns im normalen Alltag helfen.

Also nichts draus gelernt und zuhause immer weiter so?

Nein!

Wenn Du jetzt allerdings konkrete Tipps von mir erwartest, dann wird es die diesmal nicht geben.

Ich möchte Dich vielmehr an meinen Gedanken teilhaben lassen und auch einige Fragen aufwerfen, die Du vielleicht für Dich klären magst.

Mein Experiment hat mir wieder einmal gezeigt, dass es Zeit braucht, neue Gewohnheiten zu etablieren und dass sie nicht viel bringen, wenn sie nicht im Alltag gelebt werden.

Urlaub ist ein Ausnahmezustand, der uns vor Augen führen kann, was auch zuhause möglich sein kann.

Um aber eine echte Veränderung in unserem Leben zu realisieren, bedarf es viel mehr als nur dieser Erkenntnis.

Ursachenforschung: Warum greifen wir zum Handy?

Oft heißt es, wir müssten das Übel bei der Wurzel packen. Das gilt auch hier.

Ich glaube, das übermäßige Handynutzung − ach, sprechen wir ruhig von Handysucht − Ursachen hat, die vor allem in uns zu finden sind. Welche es bei Dir sein könnten, musst Du selbst herausfinden. Ich kann nur für mich sprechen − Dir aber zeigen, wie ich an die Sache herangegangen bin.

Jede Sucht hat Gründe. Es wohnt dem Wort ja schon inne: Wir suchen nach etwas, was wir in dem, wonach wir süchtig sind, zu finden hoffen. Wir versuchen meist vergeblich, einen Mangel zu kompensieren. Deshalb lohnt es sich bei jeder Sucht, nach der Ursache zu schauen.

Ein kleiner Hinweis vorweg: Meine Ursachenforschung mag etwas oberflächlich sein. Mir geht es in erster Linie darum, zu schauen, wie jeder praktikabel die digitale Nutzung für sich optimieren kann, so dass er sich wohlfühlt. Dass die Ursachen unserer digitalen Süchte weitaus tiefer gehen können, ist mir bewusst. Da ich aber kein Psychologe bin, wage ich mich nicht auf dieses Terrain, sondern schaue, was wir ohne zu tief graben zu müssen verändern können.

Ich habe mir also Gedanken gemacht, wo die Unterschiede zwischen Urlaub und Alltag bei mir liegen, wann ich im Alltag zum Handy greife und warum ich es im Urlaub nicht gemacht habe.

Mir ist klar geworden, dass mein Drang, aufs Smartphone zu schauen bzw. es zu benutzen vor allem mit zwei Dingen zusammenhängt: mit Langeweile und mit dem Alleinsein. Was sich wahrscheinlich auch gegenseitig bedingt.

Ich habe schon geschrieben, dass längeres Handydaddeln für mich in Anwesenheit von Freunden etc. nicht in Frage kommt. Das ist für mich eine Frage von Respekt und Anstand. Demzufolge schaue ich, wenn ich von mir bekannten Menschen umgeben bin, generell weniger aufs Handy.

Auch, weil ich dann meistens beschäftigt bin. Das ist genauso, wenn ich arbeite. Auch dann habe ich meist kein Bedürfnis, nach dem Handy zu greifen. Bin ich mit dem Hund draußen, ist es das gleiche. Schwierig wird es für mich als Alleinlebende dann, wenn ich zuhause bin und „nichts“ zu tun habe und zum Beispiel vor dem Fernseher sitze und mir das Dargebotene zu langweilig ist.

Wenn ich also weniger am Handy hängen will, gilt es, diese Ursachen zu minimieren oder gar abzuschaffen.

Nun ist es nicht so, dass ich mich nicht mit mir selbst beschäftigen kann oder mich gar einsam fühle. Aber ich sollte wohl mal über die Auswahl meiner Freizeitaktivitäten nachdenken. Denn offensichtlich lasten sie mich nur bedingt aus bzw. erscheinen mir unbewusst nicht sonderlich sinnvoll.

Mein Learning hier ist also: Was kann ich verändern, damit ich mich wieder weniger langweile und meine Zeit sinnvoller nutze, so dass ich nicht das Gefühl habe, das Handy sei eine nützliche Alternative bzw. Ergänzung zu dem, was ich tue?

Dazu gehört für mich auch: Wie kann ich mir mehr Inspiration ins Leben holen, anstatt mich einfach nur stumpf berieseln zu lassen?

So habe ich für mich zum Beispiel das Lesen wiederentdeckt. Ich hatte schon öfter Lesephasen in meinem Leben, denn eigentlich bin ich nicht so ein Bücherwurm.

Dieses Jahr habe ich schon sechs Bücher gelesen (Hörbücher nicht eingerechnet). Das ist für mich sehr viel, weil ich meistens abends im Bett ruckzuck beim Lesen einschlafe. Stattdessen lese ich jetzt auch tagsüber, wenn ich eigentlich den Fernseher anstellen würde.

Das Gute am Lesen ist, dass wir nebenher nichts machen können, was Aufmerksamkeit erfordert. Gleichzeitig am Handy rumzufummeln ist also so gut wie ausgeschlossen.

Lerne, Langeweile auszuhalten

Nun mache ich mir Gedanken, was ich sonst noch tun könnte, um die gefühlte Langeweile in meinem Leben zu reduzieren. Aber muss ich das überhaupt?

Ich sage bewusst „gefühlte“ Langeweile. Denn eigentlich müsste mir in diesen Momenten fast nie langweilig sein. Ich habe aber das Gefühl, dass Internet und Handy uns inzwischen so konditioniert haben, dass wir ständig etwas Neues, Aufregendes erwarten und nach Dopaminschüben lechzen.

Viele Hobbies und Freizeitaktivitäten können damit aber nicht dienen. Die Folge: Uns erscheint vieles langweilig, obwohl es das gar nicht ist bzw. es sich für uns noch vor einigen Jahren nicht so angefühlt hat.

Daher werde ich in Zukunft versuchen, diese Langeweile einfach mal auszuhalten.

Wir leben in einer Welt, in der uns suggeriert wird, dass wir ständig etwas tun müssten, weil das Leben sonst „ineffizient“ sei.

Aber wer hat eigentlich behauptet, dass unser Leben immer effizient sein muss? Dass wir keine Zeit „verschwenden“ dürfen? Ist es nicht gerade das, was das Leben auch ausmacht?

In meinem Urlaub habe ich einen Spruch an einem Chalet entdeckt: „Man sollte nie so viel zu tun haben, dass man zum Nachdenken keine Zeit mehr hat.“ Dazu fällt mir auch noch das Astrid Lindgren zugesprochene Zitat ein: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“

Nehmen wir uns mit der ständigen, zum Teil künstlich geschaffenen Geschäftigkeit die Zeit zum Nachdenken? Zum Durchatmen?

Wann hast Du das letzte Mal länger als eine Minute einfach nur in die Landschaft oder an die Decke geschaut?

Warum erlauben wir uns nicht, dass es auch mal „nichts“ zu tun gibt?

Und wie wäre es, wenn wir diese Momente nicht mehr verteufeln, sondern genießen würden?

Bleib neugierig − auch im Alltag

Meine Hündin Paula hat beim heutigen Spaziergang wieder an einer Nacktschnecke geschnüffelt.

Eigentlich kennt sie diese Tierchen, sie hat in den letzten Monaten bestimmt Hunderte davon gesehen und gerochen. Man sollte also meinen, dass sie es nicht mehr nötig hätte, die Schnecken immer wieder einer olfaktorischen Prüfung zu unterziehen.

Sie tut es trotzdem. Und ich bewundere sie dafür.

Denn: Obwohl sie eigentlich annehmen kann, dass eine Nacktschnecke nichts Besonderes mehr für sie ist, schaut sie dennoch noch einmal nach. Es könnte ja heute anders sein.

Genau diese Neugier auf das Leben kommt uns im Alltag immer mehr abhanden. Wir denken, wir kennen und wissen schon alles. Unser Hirn kategorisiert und sortiert alles schön in Schubladen, was uns schon bekannt erscheint.

Im Urlaub ist das − zumindest bei mir − etwas anders: Obwohl ich schon seit über 30 Jahren in dasselbe Bergdorf zum Wandern fahre und dort eigentlich jeden Stein kenne, ist für mich dort alles viel interessanter als zuhause.

Ich nehme Veränderungen bewusster wahr. Schenke Kleinigkeiten viel mehr Beachtung. Die banalsten Dinge faszinieren mich plötzlich.

Alles nur, weil sie an einem anderen Ort stattfinden? Ich mehr Zeit habe, sie zu bemerken?

Ich möchte dem auf den Grund gehen. Zwar halte ich mich für jemanden, der auch im Alltag einen Blick für Details hat und sich auch an kleinen Dingen freuen kann. Aber das reicht mir nicht.

Der Urlaub zeigt mir abermals, dass mehr geht. Wie ich das „Mehr“ in mein Leben bekomme, darüber werde ich nachdenken. Ohne Handy. Wenn mir das nächste Mal langweilig ist.

 

Hast Du auch schon mal eine digitale Auszeit genommen? Was hat sie mit Dir gemacht? Schreib mir Deine Erfahrungen in den Kommentaren. Ich freue mich. 🙂 

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