„Alle reden über Trauer.“ Ich schreibe einen Brief an meine Oma

Blatt mit Loch in Form eines Herzens, durch das das Sonnenlicht bricht

Wer meine Texte kennt, der weiß, dass ich neben vielen anderen Dingen vor allem Wert auf eine klare und logische Struktur lege.

In diesem Blogartikel kann ich aber meinen eigenen Regeln nicht folgen.

Weil Trauer keine Regeln kennt, keine Struktur. Und erst recht keine Logik.

Ich habe lange überlegt, ob ich ihn überhaupt auf meinem Blog veröffentlichen soll. Denn er erlaubt Dir einen Blick in mein tiefstes Inneres und ich weiß auch jetzt in diesem Moment des Schreibens nicht, ob das richtig ist.

Andererseits möchte ich aber gern die wunderbare Aktion „Alle reden über Trauer“ von Silke Szymura unterstützen. Weil auch ich es für fundamental wichtig halte, Trauer – insbesondere im Zusammenhang mit dem Sterben und dem Tod – noch mehr ins Bewusstsein zu rücken.

Denn auch mein Text offenbart, dass in meiner Familie nicht in dem Maße über Tod und Trauer gesprochen wird, wie es eigentlich heilsam wäre. Dafür sind nicht nur die „Anderen“ verantwortlich, sondern auch ich selbst. Ein weiterer Grund, warum ich mich dafür entschieden habe, den Artikel doch auf meinem Blog zu veröffentlichen.

Wenn Dich das Thema interessiert, dann schau gern auf Silkes Blog „In lauter Trauer“ vorbei, wo anlässlich dieser Aktion viele weitere Gastbeiträge zum Thema Trauer zu finden sind.

Ich freue mich, wenn sie Dich berühren, zum Nachdenken anregen – und vielleicht auch zu einem offenen Umgang mit Tod und Trauer beitragen.

Nun aber zu meinem eigenen Beitrag.

Meine Großmutter Getrud, „Trudel“ genannt, ist im September 2013 gestorben.

Das ist schon eine ganze Weile her. Doch als ich von der Aktion hörte, musste ich sofort an sie denken.

Es ist zwar erst gut ein Jahr vergangen, als ich binnen fünf Tagen zwei sehr schwere Verluste erlitten habe. Und die sitzen bis heute tief. Aber sie sind dennoch nicht vergleichbar mit der Trauer und vor allem der Scham, die ich gegenüber meiner Oma und deren Tod empfinde.

Ich habe schon mehrmals versucht, diesen Brief an sie zu formulieren, aber bisher nicht den Mut gefunden, ihn wirklich auch zu Ende zu bringen.

Danke also an Dich, liebe Silke, dass Du mir nun mit Deiner Aktion die Möglichkeit gibst, hoffentlich ein wenig Frieden damit zu finden.

 

Meine liebe Oma Trudel,

rund dreieinhalb Jahre ist es her, dass Du Deinen letzten Atemzug gemacht hast.

Ich war nicht dabei.

Um von dieser Welt zu gehen, hast Du lange gebraucht. Viel länger als die Ärzte vorausgesagt haben. Von Tagen war die Rede. Wochen sind daraus geworden.

Wochen, in denen ich nicht bei Dir war.

Eigentlich waren es sogar Monate, vielleicht sogar Jahre, in denen Du Dich leise verabschiedet hast.

Aus der Oma, die ich so sehr geliebt hatte, ist in den letzten Jahren Deines Lebens ein Mensch geworden, den ich weder kannte, noch besonders mochte.

Es war nicht Deine Schuld, das weiß ich.

Keiner von uns weiß, wie wir einmal werden, wenn wir nicht mehr so können, wie wir möchten. Wenn uns Körper und Geist langsam aber stetig nicht mehr gehorchen.

Wenn unsere Persönlichkeit, die uns über so viele Jahre treu war, jeden Tag ein Stückchen mehr verblasst. Und am Ende ein Mensch übrig bleibt, den wir vielleicht selbst nicht leiden können. Wenn wir es überhaupt noch merken.

Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie schmerzhaft für Dich die wenigen, noch hellen Momente gewesen sein müssen. Wenn Du realisiert hast, dass Du Dein Dahinschwinden nicht mehr aufhalten kannst.

Wenn Du Dich einsam gefühlt hast und allen nur noch eine Last zu sein schienst.

Als Kind warst Du mein unangefochtener Lieblingsmensch. Bis heute neiden mir manche unser inniges Verhältnis, das offenbar so anders war, als die Verbindungen, die Du sonst mit Menschen eingegangen bist.

Durch Dich habe eine Zuneigung und Sicherheit erfahren, die ich in dieser Art nur selten in meinem Leben hatte.

Dein Geiz, Deine politische Wahl, Deine Glaube – all das hat nichts an unserer Verbindung ändern können. Wir ließen einander, wie wir waren, und hatten einfach eine gute Zeit.

Nach Opas Tod hast Du Dich verändert. Wer kann es einem Menschen verübeln, wenn er seinen Weggefährten verliert? Und ihm klar wird, dass der den Rest seines Lebens niemanden mehr an seiner Seite haben wird?

Du wolltest immer Deine Familie um Dich haben. Möglichst viele, möglichst oft, möglichst lange. Keiner wollte das so recht verstehen.

Mit meinem Umzug habe ich Dir sicher weh getan. Sich nur noch alle paar Monate zu sehen, war sicher nicht leicht für Dich.

Die Entfernung wurde nach und nach zu meinem Schutzschild.

Ich hörte mir die Erzählungen über Dich nur noch am Telefon an. Legte auf und versuchte oft zu vergessen. Verdrängte, dass Du nicht mehr die warst, die ich einst so sehr geliebt hatte.

Ich entfernte mich nicht nur räumlich, sondern auch emotional immer weiter von Dir. Unbewusst, aber dennoch.

Besuchte Dich mehr aus einem Pflichtgefühl heraus, nicht aus Freude oder Zuneigung. Suchte bei jedem neuen Treffen zwar nach den alten Gefühlen für Dich, aber fand sie nur noch selten.

Vor mir ein fremder Mensch in der dünnen Hülle eines geliebten Vertrauten.

Unterhaltungen waren zum Ende kaum noch möglich. Ich wusste, eines Tages ist es soweit und Dein Geist ist vollkommen verschwunden.

Ich vernahm, dass es Dir immer schlechter ging. Die Aussicht auf Deinen nahen Tod lähmte mich. Ich hatte mich gerade erst getrennt, war noch sehr mit mir selbst und meinem Verlust beschäftigt.

Die Anrufe häuften sich. „Es dauert nicht mehr lange. Willst Du nicht kommen?“

Nein, das wollte ich nicht. Ich zog mich zurück in meine Einsamkeit, erfüllt und gehemmt von meinem schlechten Gewissen und tat nichts als Zuhören.

Selbst als meine Mutter mir sagte, sie habe das Gefühl, dass Du auf mich wartest, damit wir uns verabschieden können.

Nichts.

Meine Angst, Deinem Anblick nicht gewachsen zu sein, den Tod nicht anschauen zu können, war größer als meine Liebe und mein Pflichtgefühl.

Dann endlich, nach drei Wochen Kampf, hast Du Deine Augen für immer geschlossen.

Alle waren müde, ausgezehrt und irgendwie erleichtert, dass Du es geschafft hast. Dass sie es geschafft haben. Jeden Tag und jede Nacht wachten sie an Deinem Bett.

Und ich? Ich versuchte irgendwie weiterzuleben und die Gedanken an Dich weit von mir wegzuschieben.

Bis heute frage ich mich: Hast Du tatsächlich gewartet?

Hast Du wegen meiner Feigheit leiden müssen?

Hätte ich alles leichter machen können, wenn ich den Mut besessen hätte, Dich noch einmal anzuschauen?

Warum war ich nicht stark genug, Dir beizustehen?

So oft warst Du für mich da. Als Du mich am meisten gebraucht hast, war ich es nicht.

Ich war feige und bequem. Ich habe gewartet, bis der Anruf kam. Und ich wusste, dass ich nur noch eine Beerdigung durchstehen musste.

Ich habe Dich im Stich gelassen. Ich habe alle im Stich gelassen, die sich – im Gegensatz zu mir – um Dich gekümmert haben. Bis zum Schluss.

Ich weiß, dass ich mir das alles verzeihen sollte. Dass ich mir nicht ständig Vorwürfe machen sollte, weil ich meiner Angst nachgegeben habe. Dass ich nur dann Ruhe finde, wenn ich mir selbst vergebe.

Viel wichtiger wäre mir aber, dass Du mir vergibst.

Aber ich kann Dich nicht mehr um Verzeihung bitten. Weil Du nicht mehr da bist. Weil Du nie mehr da sein wirst.

Ich schäme mich bis heute für das, was ich über Dich dachte. Aber ist es nicht auch legitim, jemanden nicht mehr zu lieben, wenn er sich so sehr verändert?

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich in die Hoffnung nicht aufgebe, dass Du irgendwo da draußen bist und dass meine Worte Dich erreichen.

Dass Du wie früher mit Deiner Hand über meinen Kopf streichst und sagst, dass es schon in Ordnung ist.

So wie früher. So erinnere mich an Dich und so behalte ich Dich in meinem Herzen.

Und hoffentlich siehst Du in mir auch den Menschen von damals und nicht den, der Dich aus Feigheit allein gelassen hat.

Ich liebe Dich. Jetzt kann ich es wieder. Auch wenn es zu spät ist. Ist es das?

Unterschrift "Deine Karo"
 
 

 

9 Replies to “„Alle reden über Trauer.“ Ich schreibe einen Brief an meine Oma”

  1. […] Ich schreibe einen Brief an meine Oma Mit ihr kann ich nicht mehr reden. Mit dem Rest der Familie sollte ich darüber reden. Traue mich aber noch nicht. Doch ein erster Schritt ist mit diesem Brief vielleicht getan. (Karoline von Mein Herz schlägt analog) […]

  2. Liebe Karoline,
    Danke! Danke, dass Du den Mut hattest, trotz Deiner Scham, diesen Brief mit uns zu teilen. Es ist ein sehr schöner Brief und ganz ganz viele Menschen, werden sich darin wiederfinden!
    Du bist damit ganz sicher nicht alleine!

    Deine Oma hat Dir schon längst verziehen, bzw war Dir gar nicht erst böse! Du bist ein Mensch, ein Mensch der in dieser Zeit nicht die Stärke hatte den bevorstehenden Tod Deiner Oma auszuhalten. Das ist vollkommen ok!

    Vielleicht würde es Dir helfen diesen Brief nochmal handschriftlich zu schreiben und entweder per Post zu verschicken oder ihn zu verbrennen… wie ein kleines, abschließendes Ritual zwischen Dir und Deiner Oma.

    Und dann, vergibst Du Dir selbst.

    Liebste Grüße
    Anna

    1. Liebe Anna,

      ich danke DIR für die herzlichen Worte. <3 Den Brief nochmal zu schreiben und dann zu verbrennen ist eine wunderbare Idee. Das werde ich sicher bald machen. Vielleicht zu ihrem Geburtstag, der bald ist.

      Viele Grüße
      Karo

  3. das ist wirklich traurig und muss sehr schlimm für dich sein. in teilen kann ich es nachvollziehen. wenn man am schluss aus angst handelt, ist es schwer, sich zu vergeben, weil man nicht weiß, was man dem anderen vielleicht damit angetan hat. trotzdem muss man eines tages loslassen. das in der familie nicht drüber reden kenne ich dafür nur allzu gut. ich habe keine ahnung, wie man das machen sollte, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es gut ist, das thema so weiträumig zu meiden…

    1. Hallo Paleica,

      danke für Deinen Kommentar. Nun, es ist kein Thema, das mich jeden Tag belastet. Aber wenn es um Trauer geht und was ich dazu zu sagen habe, dann kommt es eben hoch. Und ich denke, das ist auch gut so. Weil es einen sensibler macht für das ganze Thema und einen in einer ähnlichen Situation vielleicht anders handeln lässt. Wir reden in unserer Familie schon ab und zu darüber, aber nicht so intensiv, wie es vielleicht gut wäre. Ich finde nicht, dass man das Thema meiden sollte. Sonst hätte ich kaum bei der Aktion „Alle reden über Trauer“ mitgemacht. Es wird der Tag kommen, an dem es ein Gespräch darüber geben wird, dessen bin ich mir sicher. 🙂

      Viele Grüße
      Karo

  4. Liebe Karoline.
    Es ist die Angst der unausgesprochenen Worte, der nicht verbrachten Zeit, der letzten Momente…
    Doch vielleicht war es eine Art Selbstschutz…
    Danke fürs teilen.

    1. Hallo Susi,
      danke Dir für Deinen Kommentar. Ja, es war wohl Selbstschutz. Aber aus heutiger Sicht war der Preis dafür zu hoch. Aber es ist nicht mehr zu ändern. Das nächste Mal mache ich es hoffentlich anders.
      Viele Grüße
      Karo

  5. Liebe Karo,

    so wie du deine Oma aus der Zeit beschreibst, in der sie sie selbst sein durfte, hat sie dich bedingungslos geliebt. Und liebt dich auch heute. Vielleicht fällt es dir leichter, dir selbst zu verzeihen, wenn du dir vorstellst, wie sehr sie sich aus Liebe darüber freut? Diesen Brief noch einmal handschriftlich zu schreiben, finde ich eine sehr schöne Idee. Vielleicht schippert er dann auch über einen See oder ins Meer? Ich kann deine Angst von damals verstehen. Vielleicht kannst du das, was du im Nachhinein gern getan hättest damals, in irgendeiner Form nachholen, vielleicht gegenüber einem anderen Menschen oder in einer anderen Situation?

    Viele Grüße
    Conny

    1. Hallo Conny,

      danke Dir für die lieben Worte. Ich hoffe auch, dass ich es irgendwann „nachholen“ kann. Da ich Einzelkind bin, denke ich, dass ich bei meinen Eltern hoffentlich stärker sein kann. Ich habe es auf jeden Fall vor.

      Viele Grüße
      Karo

Schreibe einen Kommentar